Im Lügengeflecht

- Der Erfolgsmensch in der Krise: Noch sitzt der Anzug, noch ist sein ausdrucksloses Gesicht glatt rasiert. Eigentlich könnte er sich auch einen Dreitagebart stehen lassen, den Anzug mit einem lässigen Pulli vertauschen . . . Vincent ist "freigestellt", zeigt der Film "Auszeit". Plötzlich ist er raus aus den glitzernden, blaugrauen Büroräumen, die bislang sein Leben waren.

<P>"Ressources Humaines" hieß der zweite Spielfilm von Laurent Cantet, der erste, mit dem der französische Regisseur in den deutschen Kinos zu sehen war. Ein Wirtschaftsdrama, kämpferisch, auf den ersten Blick politisch. Die menschlichen Reserven, die dieser Titel noch beschwor, sind in "Auszeit" längst aufgebraucht. </P><P>Die zwei Jahre, die zwischen beiden Filmen liegen, haben die Weltwirtschaft verändert. Und kaum ein Film reflektiert diese Veränderung ähnlich hellsichtig wie dieser, der 2001 beim Festival von Venedig den zweitwichtigsten Preis, den "Löwen der Gegenwart", gewann. <BR><BR>"L`emploi du temps", wie "Auszeit" im Original heißt, ist ein Psychothriller der anderen Art, einer, der von jenem Abgrund des Alltags handelt, in den jeder plötzlich hineinstürzen kann. Denn der entlassene Vincent wird mit seiner Situation innerlich nicht fertig, kann sich und seiner Familie nicht eingestehen, gescheitert zu sein. So baut er ein Lügengeflecht auf, fährt täglich "zur Arbeit", täuscht Geschäftsreisen und Verhandlungen für einen neuen, besseren Job vor. <BR><BR>Das kann nicht lange gut gehen, obwohl Cantet durch einen tatsächlichen Fall inspiriert wurde, bei der ein Franzose fast 20 Jahre lang eine Existenz als erfolgreicher Arzt vortäuschte. Vincent ist keine sympathische Figur, Aurelien Recoing spielt ihn mit einer Mischung aus Trübsinn und Gerissenheit. Indem er uns eine Welt aus Distanz, Isolation, unerbittlicher Kühle vorführt, zeigt Cantets Entfremdungsszenario, wie unsere Identität durch Arbeit geschaffen wird und was übrig bleibt, wenn sie wegfällt. "Auszeit" ist eine präzise Analyse der Lebenslügen einer ganzen Gesellschaft - der Film zur Wirtschaftskrise </P><P><BR>"Auszeit" mit Aurélien Recoing, Karin Viard <BR>Regie: Laurent Cantet <BR>Hervorragend <BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Andreas Beck wird Resi-Chef
Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle stellte Andreas Beck als neuen Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels vor. Der 52-Jährige folgt auf Martin Kušej, der München …
Andreas Beck wird Resi-Chef
„Metallischer und düsterer“: Emil-Bulls-Sänger im Interview
Emil Bulls haben sich mit einem neuen Album zurückgemeldet. Am Samstag tritt das Quintett im Backstage auf. Im Interview spricht Sänger Christoph von Freydorf über die …
„Metallischer und düsterer“: Emil-Bulls-Sänger im Interview
Mahnmal für Georg Elser: Die Geschichte hinter dem Grafitto
Das große Graffito an der Bayerstraße ist ein echter Hingucker - und viel mehr als nur Wandmalerei. Im Making-Of-Video erzählen Loomit und Won von ihrem Verhältnis zu …
Mahnmal für Georg Elser: Die Geschichte hinter dem Grafitto

Kommentare