Die Luft zum Atmen

- Die Geschichte einer Ehe, wie sie als Einheit in dieser Geschlossenheit noch nicht betrachtet wurde. Die Geschichte zweier Menschen mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Lebenszielen: 30 mehr oder minder gemeinsame Jahre, die eher Leidenszeit als Erfüllung bedeuteten: Minna und Richard Wagner.

<P>Das Verhältnis war von Anfang an durch Geldsorgen belastet und von Minna als ökonomisches Risiko empfunden worden, stets erschwert durch Richards Sucht nach einem aufwändigen Lebensstil. </P><P>Ohne Untreue kein Tristan</P><P>Der Beginn der festen Beziehung erscheint geradezu vorausbestimmend: Die Heirat 1836 in Königsberg, wo Minna als Schauspielerin engagiert war, wurde erschwindelt; Richard war mit 23 nach preußischem Recht noch nicht volljährig. Die erste tief gehende, Belastung war Richards Teilnahme  an der  Revolution 1849 und seine folgende Verbannung. </P><P>Minna betrieb die Begnadigung, die erst auf Grund ihres eigenen schlechten Gesundheitszustands erfolgte - als die Ehe längst zerrüttet war.<BR><BR>Das "göttliche Recht der Leidenschaft", das Richard einforderte, fand bei Minna keine Entsprechung. Wie beide dennoch aneinander festhielten, schlägt sich in der Korrespondenz nieder; Richards Briefe an Minna sind zahlenmäßig denen an alle anderen Frauen überlegen. </P><P>Den 20. Hochzeitstag feierten die Wagners in St. Gallen in Anwesenheit von Liszt. In eine Scheidung hätte Minna nie eingewilligt. Die Trennung kam ratenweise, immer wieder unterbrochen von neu versuchtem Zusammenleben. Noch lang nach Minnas Tod träumte Richard von ihr.<BR><BR>Die Schauplätze dieser Ehe wurden von Richard bestimmt, von Minna meist nur zögernd akzeptiert. Am Anfang waren beide gleichermaßen beteiligt: in Magdeburg, wo sie sich am Theater kennen lernten, in Riga, wo Minna ihren Beruf aufgab, auf der Flucht über Grenzen und Meere. </P><P>In Paris begann Minnas Leben als Hausfrau und Gastgeberin; Paris: das beiden Zuflucht war und dann zur Repräsentation diente. Zürich brachte viel Not und Arbeit und das "Asyl" auf dem Wesendonck'schen Grundstück, das schließlich den Eklat bewirkte; Richard ging von da nach Venedig, Minna nach Dresden.<BR><BR>Die Schauspielerin Minna Planer war die Tochter eines Stabstrompeters aus dem Erzgebirge, vier Jahre älter als Richard. Sie war eine gefragte Darstellerin, die auch in Berlin gastierte, Richard ein weithin unbekannter Musikdirektor in der Provinz. Minna war ihm die "Luft zum Atmen". Trotz aller Unterordnung verlor sie ihr Selbstwertgefühl niemals ganz. </P><P>Ihre voreheliche Tochter Natalie gab sie ihr Leben lang als jüngere Schwester aus. Sie hatte keine abgeschlossene Schulbildung und keinen Zugang zur Politik und Philosophie; sie hätte lieber gesehen, Richard hätte mehr komponiert: Das Schreiben brachte nichts. Musikalisch konnte sie bis zum "Tristan" folgen, Richard gab etwas auf ihr Urteil. </P><P>"Rienzi" und "Lohengrin" verehrte sie bis an ihr Lebensende am 25. Januar 1866, Richard war gerade - von Genf aus - in Marseille und konnte nicht zur Beerdigung kommen. 1887 ließ Cosima das Grab erneuern. Näheren Umgang hatte Minna mit Wilhelm Schröder-Devrient, der Witwe Webers, Gottfried Keller, dem Baumeister Semper und mit Emma Herwegh, der Frau des Dichters und Revolutionärs. <BR><BR>Die Rolle Richards in dieser Ehe ist allerorten nachzulesen. Die Autorin Eva Rieger schont ihn nicht. Sie beschreibt eingehend seine negativen Seiten als Partner. Aber: Ohne Untreue wäre kein "Tristan" entstanden. Seine Abhängigkeit von Minna schwankte zwischen Unterwerfung und Gewaltandrohung, ohne ihre Nähe konnte er lange Zeit nicht arbeiten. Nur: Sie war ihm ebenso wenig gewachsen wie Mathilde Wesendonck oder davor schon Jessie Laussot; einzig Cosima war dazu fähig.<BR><BR>Eine schärfere psychologische Durchdringung hätte oft nahe gelegen, auch eine differenziertere Beurteilung der gesellschaftlichen Standorte aller Personen. Wesentlich und aufschlussreich ist die reiche Ausbeute an Korrespondenz. </P><P>Am Rande erfährt man manche Extras, etwa, wenn sich Richard - anlässlich seines viermonatigen Gastspiels in London als Dirigent - über die hässlichen Engländerinnen beklagt, Minna aber einer Freundin gegenüber hinzufügt: "So schön ist Richard auch wieder nicht."</P><P>Eva Rieger: "Minna und Richard Wagner. <BR>Stationen einer Liebe". <BR>Artemis & Winkler, Düsseldorf und Zürich. <BR>444 Seiten, 28 Euro.<BR></P>

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