Mit dem Luftballon über den Abgrund

- Um eine Widmung gebeten, schrieb der Dichter nicht in seinen Lyrikband "Im Glück und anderswo", sondern zeichnete: Ein Mensch steht an der Kante einer senkrecht abfallenden Klippe. Und er hängt sich an einen Luftballon, um den Abgrund zu überwinden. Das Leben - Gefährdung und Hoffnung.

Robert Gernhardt, der am Freitag im Alter von 68 Jahren in Frankfurt am Main an Krebs starb, balancierte lange Jahre an dieser Kante. Mutig und wie immer witzig, weise und nie überkandidelt, unverblümt und tapfer verwandelte er sein Erleben in Kunst. Auch als die niedergekämpfte Krankheit wiederaufflammte.

"Ich wollte mich unterhalten und die Leute."

Robert Gernhardt

Eine bewegende Bilanz dieses Ringens zogen die Verse in dem Buch "Die K-Gedichte" (2004), in dem er sich mit seiner Krankheit "als Schangse" auseinandergesetzt hatte (wie in "Lichte Gedichte" mit dem Herzinfarkt). Er ersparte dem Leser nicht Chemotherapie noch Siechtum noch die Gleichgültigkeit der Gesunden. Bewegend insbesondere deswegen, weil wir Gernhardt als Humoristen von allererster Güte verehren. Egal ob er Zeichen- oder Schreibstift führte.

Robert Gernhardt wurde im damaligen Reval (heute Tallinn) am 13. Dezember 1937 geboren; '39 ging die Familie nach Posen. Bei Kriegsende floh die Mutter mit ihren drei Buben in den Westen. In Göttingen fand die Familie ein neues Zuhause. Der junge Robert studierte in Stuttgart und Berlin an der Akademie Malerei und an der Universität Germanistik. Zunächst in Frankfurt als Redakteur tätig, schlug er sich ab 1966 freiberuflich durch: als Karikaturist, Maler und Schriftsteller. Mit F.K. Waechter und F.W. Bernstein schuf er für "Pardon" die Kolumne "Welt im Spiegel", bevor er 1979 zum Mitbegründer der Satire-Zeitschrift "Titanic" wurde. Die so genannte "Neue Frankfurter Schule" bildete sich heraus (mit Eckhard Henscheid, Hans Traxler, Bernd Eilert u.a.). Heine, Busch, Tucholsky und Co. hatten so spritzige wie saufreche Nachfolger gefunden.

Aber Gernhardt wollte mehr, als nur im Satire-Betrieb mitmischen. Deswegen versuchte er, die heitere Lyrik vom Ruch der Kleinkunst, gar der Dumpf-Humorigkeit zu befreien. Das war nicht leicht und wurde ihm manches Mal hochnäsig verübelt. Gernhardt dazu in einem Gespräch mit unserer Zeitung: "Die reine Lehre der Intellektuellen ist nicht wichtig, ich halte mich an Fontane. Er forderte von einem Kunstwerk, dass es mich entweder erhebt oder erschüttert oder erheitert oder gedanklich beschäftigt." Gernhardt war gut - und erfolgreich. Er bekannte sich zu seiner Lust auf Wirkung: "Ich wollte mich unterhalten und die Leute.

Da benutzt man die klassische Schule. Wer wirken will, wird nicht auf Reim und Metrik verzichten und nicht auf die Pointe." Dass er damit Recht hatte, beweisen seine Fans, die Verse, aber auch Romane, Gags (für Otto Waalkes) oder das Stück "Die Toscana-Therapie" lieben. Und er freute sich: "Der Humor hat seine Dichter durchaus ernährt. Das ist ein gutes Zeichen für die Deutschen."

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