Luftkrieg über Hamburg

- Hamburg - Mit dem Angriff der alliierten Bomber auf Hamburg am 24. Juli 1943 begann für die Hansestadt eine Katastrophe von "biblischem Ausmaß", wie der Autor Walter Kempowski es beschrieb. Der vernichtende Feuersturm der Operation "Gomorrha" ist in literarischen Texten und Augenzeugen-Protokollen festgehalten worden. Volker Hage, Literaturkritiker beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", hat zum 60. Jahrestag des Luftkriegs zwei Bücher im S. Fischer Verlag herausgegeben.

<P>Das eine versammelt literarische Zeugnisse zum Feuersturm, das andere bietet Interviews mit Schriftstellern über ihre traumatischen Erfahrungen des Luftkriegs.</P><P>1998 setzte der 2001 gestorbene Autor W.G. Sebald eine literarische Debatte über das Thema "Luftkrieg und Literatur" in Gang. Er vertrat die These, die deutsche Literatur sei dem Luftkrieg und seinen Opfern gegenüber taub und blind geblieben. Hage hingegen zieht ein anderes Fazit: Von einer thematische Lücke lasse sich angesichts der Fülle an Texten nicht reden - eher aber von einer Rezeption, die den Luftkrieg unterschlug. "Niemand wohl kann die Schreckensschilderungen lesen, ohne irgendwann genug davon zu haben", meint Hage.</P><P>In Erzählungen, Romanen und Gedichten haben Autoren wie Ralf Giordano, Wolf Biermann, Wolfgang Borchert, Erich Nossack und Kempowski die existenzielle Erschütterung durch die Hamburger Bombennächte festgehalten. Es sind erschreckende Zeugnisse der alliierten Vergeltung für die deutsche Aggression, Erinnerungen an Stadtviertel, die zum Flammenmeer wurden, und an mehr als 40 000 Menschen, die in dem Inferno qualvoll umkamen.</P><P>Kempowski überlebte als 14-Jähriger in einem Bunker und erinnert sich genau, welcher Anblick sich ihm bot, als die Türen geöffnet wurden: "Manche waren in die Kanäle gesprungen, aber da brannte dann Öl auf dem Wasser, grauenhaft. Tote lagen herum: die frischen Toten und die vom Vortag. Verkohlte, holzstückartige Menschen, mit herausgequollenen, ganz roten Eingeweiden. Da stand man als Halbwüchsiger dazwischen." Kempowski berichtet auch von den vielen Menschen, die sich nach den Bombennächten auf der Moorweide versammelten: "Wussten die eigentlich, dass dort, auf der Moorweide in Hamburg, zwei Jahre vorher die Juden (zum Transport in die Vernichtungslager) zusammen getrieben worden waren?"</P><P>Eine Frage, die sich auch Biermann stellt, dessen jüdischer Vater in Auschwitz ermordet worden war und der den Hamburger Feuersturm als Sechsjähriger mit seiner Mutter überlebte. "Der Tod kam über uns mit menschgemachter Urgewalt/ Aus diesem Weltenende kroch ich raus, ein Menschenwurm", heißt es in Biermanns "Die Elbe bei Hamburg" (1993). Und später: "Ich hatte Glück und ward ein braves Kind mein Leben lang/Genau auf sechseinhalb blieb meine Lebensuhr da stehn/ (...) Durch allen Wandel bin und bleib ich auch mit weißem Bart/Gebranntes Kind, das neugierselig nach dem Feuer sucht."</P><P>Die Erinnerung an das Inferno sei ihm "eingebrannt wie nichts sonst", schreibt Biermann in "Die Rettung" (1995). Damals sei "wahrscheinlich der Grundstein gelegt worden, dass ich Lieder und Gedichte schreibe", meint er. "Ich muss zugeben, sowas kann sich kein Dichter ausdenken: Dass ausgerechnet auf der Wiese (der Moorweide), wo die Deutschen die Juden in den Tod geschickt haben, die Überlebenden des Bombenangriffs sich dann sammelten. (...) Das passt - weil da ja auch ein tiefer, innerer, grauenhafter Zusammenhang besteht: Deswegen haben wir ja die Bomben auf die Schnauze gekriegt."</P><P>In den Bombennächten habe er als Kind jüdischer und kommunistischer Vorfahren und potenziell Verfolgter der Nazis gespaltene Gefühle gehabt: "Wir freuten uns über die Bomben der Alliierten, es war nur so unpraktisch, dass sie uns auf die Köpfe fielen."</P><P>Auf der ganzen Welt sprach es sich schnell herum, dass sich in Hamburg etwas bis dahin nie Dagewesenes ereignet hatte, meint Hage. In den Tagebüchern von Ernst Jünger, damals Wehrmachtssoldat in Paris, oder Bert Brechts, Exilant in den USA, war die Erschütterung spürbar. Hermann Hesse meldete sich in der Schweiz zu Wort, Klaus Mann in Amerika. Sie alle empfanden - wie viele in den Bunkern - neben Angst auch die Hoffnung, dass sich das Blatt endlich wenden würde und ein schnelles Ende der Nazi-Herrschaft bevorstand.</P>

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