Die Luftschlösser

- Ein Mann geht im Himmel. Wir schauen hinauf zu seinen Fußsohlen, beneiden den Wanderer im Weiß und Blau von Wolken und All. In der Ausstellung "Frei Otto - Leicht bauen, natürlich gestalten" ist eine Fotografie dieses Himmelstürmers zu sehen. Deswegen schärft sich unser Auge und entdeckt das Netz, das den Handwerker hält. Münchner kennen es. Die Voliere im Hellabrunner Tierpark bietet mit diesem weit schwingenden, durchsichtigen Zeltdach den Vögeln fast völlige Freiheit.

<P>Mit dieser Exposition ehrt das Architekturmuseum der TU (Pinakothek der Moderne) in Frei Otto einen der wichtigsten innovativen Baumeister nach 1945: anlässlich seines 80. Geburtstags (31.5. im sächsischen Siegmar) und der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Technischen Universität. Was heute an raffinierten, von der Natur abgeschauten Techniken forciert wird, das (mittlerweile modische) Pochen auf Nachhaltigkeit, auch der Gestus des "Nicht-für-die-Ewigkeit-bauen-wollens", all das ist bei Frei Otto schon in den 50er-Jahren definitiv vorhanden. Das lässt sich jetzt in der PDM anhand von Modellen, Skizzen, Konstruktionszeichnungen und Fotos bestaunen. Am deutlichsten spürt man an den alten, Spielzeug-kleinen, leicht angegammelten Modellen die Diskrepanz zwischen exzellenter Idee und ihrer Verwirklichung.<BR><BR>"Schaschlik-Häuser"</P><P>Wenn man die zierlichen "Schaschlik-Häuser" von 1957 betrachtet, ein Entwurf für New York, wird einem mit einem Schlag klar, wie schwer sich gute Lösungen durchsetzen. Einfamilienhäuser an der Stange aufgestapelt zum Hochhaus - das Zupflastern riesiger Naturflächen wäre damit gestoppt. Aber solche Innovationen wurden nie gebaut. Nur ein schwacher Widerschein ist in den Berliner Öko-Häusern von 1987/91 zu finden. Frei Otto stellte "Etagen-Grundstücke" mit guter Sonnennutzung zur freien Verfügung an den Landwehrkanal.<BR><BR>Hightech war für ihn nie naturfremd und unmenschlich, sondern aus der Natur geboren und den menschlichen Bedürfnissen angepasst. Deswegen werden die Bauten Frei Ottos - auch wenn er "nur" mitgearbeitet hat - auf der ganzen Welt nicht einfach beachtet, sondern geliebt. München beherbergt zum Glück die schönste Arbeit des Architekten: das Zeltdach des Olympiageländes. Was wäre das Behnisch-Werk ohne das scheinbar im Wind flatternde "Tuch"? Hinter dem Spielerischen - nach dem Motto "wir bauen uns ein Zelt" - verschwinden die unglaublichen statischen Probleme und die Frage, wie man so etwas berechnen kann. Viele Fachleute hielten damals diese Dachkonstruktion für undurchführbar. Günter Behnisch hatte sich vom Expo-Pavillon Montreal 1967 (Frei Otto/ Rolf Gutbrod) faszinieren lassen. Eine Landschaft war entstanden, nicht aus der Erde geboren, sondern an Masten hängend und nur am Boden verspannt. In der Ausstellung: das alte Messmodell, mit dem die verschiedenen Seilkräfte ermittelt wurden. Überhaupt ist es wunderbar, in Zeiten des allmächtigen Computers zu erkennen: Es geht auch anders. Allerdings kündigte sich beim Olympiadach der Wandel an. Der erste Großrechner (Uni Stuttgart) wurde aktiviert. Frei Otto misstraute ihm, beugte sich aber den Ingenieuren.<BR><BR>Da die Ausstellung alle Themen des Architekten aufblättert - Zelte, wandelbare Dächer, Seilnetze, Gitterschalen, Pneus/Hydros -, wird für jeden Besucher unmittelbar anschaulich, wie Frei Ottos Gestaltung funktioniert. Es gibt zum einen die Urformen des Lebens: Zellen, die von einer Membran umhüllt werden; Zellen, die sich zusammenfügen, um zu "bauen". Es gibt zum anderen Urformen des menschlichen Wohnens: Zelte, Hütten. Dauer ist also seine Sache nicht. Er setzt auf Wandel und organische Entwicklung. Das heißt auch, viele seiner Zelte gibt es nicht mehr. "Ich habe wenig gebaut. Ich habe viele ,Luftschlösser ersonnen", bekennt Frei Otto. Aber gerade die sind am langlebigsten.</P><P>26.5.-28.8., Tel. 089/ 23 80 53 60; Katalog, Birkhäuser, 40 Euro.</P>

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