„Luja sog i“

Freising - Von Ägyptens Flügel-Schlange bis Aloisius: „Engel - Mittler zwischen Himmel und Erde“ im Dommuseum Freising

Schon im Eingangsbereich wandert der Blick nach oben. Wer die Ausstellung betritt, sieht über sich ein Ballett aus barocken Putten und Blasengerln schweben: Als „Mittler zwischen Himmel und Erde“ werden Engel in der bisher größten Schau des Freisinger Dommuseums (Diözesanmuseum) vorgestellt. Natürlich nehmen diese reinen Geistwesen gelegentlich körperliche Erscheinungsformen an, und wie sich die Darstellung dieser „Verkörperungen“ im Laufe der Epochen wandelt, kann man in der teils chronologisch aufgebauten Präsentation verfolgen.

Dabei beginnt alles mit den Vorläufern der Engel in vorchristlicher Zeit. Hier sind auf griechischen Vasen Bilder der geflügelten Siegesgöttin Nike zu bewundern. Siegelsteine und Kameen, die man durch Lupen betrachten muss, zeigen geflügelte Eroten und Sphingen. Die ältesten Exponate stammen aus Ägypten, wo die geflügelte Uräus-Schlange Seraph auch in der Benennung den Seraphim vorausgeht. Die Abwehr- und Schutzfunktion solcher antiken Flügel-Wesen überträgt sich dann ebenfalls auf die christliche Engelsvorstellung, in der Flügel zudem die Freiheit von jeder Erdenschwere symbolisieren. Ein anderes Ausstellungskapitel klärt über die verschiedenen „Dienste“ von Engeln auf, die als Boten (griechisch „angelos“), als Beschützer oder als göttlicher „Hofstaat“ fungieren. Gelegentlich verkörpern sie auch die Erscheinung Gottes auf Erden, wie in dem Bild „Abraham bewirtet die Engel“ des Rembrandt-Schülers Arent de Gelder, das durch seine effektvolle Hell-Dunkel-Dramatik fasziniert.

Die Schatzkammer der Schau wiederum präsentiert fein gearbeitete silberne Abendmahlskelche mit Engel-Motiv, orthodoxe Ikonen oder auch ottonische Buchmalerei. Mittelalterliche Gemälde zeigen dann, dass etwa ab dem Jahr 1300 erstmals auch weibliche Engel und solche in Kindergestalt auftauchen. Zu den künstlerisch erstrangigen Werken, die aus der Fülle der 550 Exponate herausragen, gehören neben den Rembrandt-Radierungen Blätter aus Albrecht Dürers Holzschnittfolge der Apokalypse: Mit kraftvoll-expressiven Linien hat der Nürnberger Meister hier Engel gestaltet, die wie knorrige Himmelsgewächse wirken. Ein weiterer ästhetischer Höhepunkt der Schau ist schließlich Ignaz Günthers geschraubte Schutzengel-Figur (aus der Münchner Bürgersaal-Kirche), die bei aller materiellen Präsenz verblüffend körperlos wirkt.

Eher spärlich fällt hingegen die künstlerische Engel-Ausbeute im 19. und 20. Jahrhundert aus. Bemerkenswert scheinen hier zumindest Fritz von Uhdes „Engel im Atelier“, der mit seiner impressionistischen Malweise zwischen sinnlicher Diesseitigkeit und ätherischem Licht-Flirren changiert, sowie ein Entwurf Ernst Barlachs zu seiner berühmten flügellosen Engelsplastik des „Schwebenden“ im Güstrower Dom.

Dass an dem Rilke-Vers „Jeder Engel ist schrecklich“ doch etwas dran sein könnte, zeigt das letzte, das Kuriositätenkabinett der Ausstellung. Hier ist alltäglicher Engelskitsch der Gegenwart versammelt, von der Seife in Engerl-Form über den Quietschenten-Engel bis zum blauen Umwelt-Engel oder der Body-Lotion mit aufgedruckten Raffael-Engelsköpfen. Aber auch der Engel Aloisius darf natürlich nicht fehlen: der „Münchner im Himmel“, der mit den geflügelten Worten „Luja sog i“ die englische Pflicht des Frohlockens und Hosianna-Singens doch etwas eigenwillig interpretierte. Aber letztlich zeigt sich auch in solchen Karikaturen, was die Ausstellung insgesamt deutlich macht: Dass Engelsbilder immer das Menschenbild ihrer Zeit spiegeln.

Von Alexander Altmann

Bis 1. Mai 2011,

Dommuseum/Diözesanmuseum Freising, Domberg 21, Di. bis So. 10 bis 17 Uhr; Tel. 08161/ 487 90; Katalog (Dt. Kunstverlag): 39 Euro.

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