Lulus Luftbuchungen

- Dieses Stück für bare Münze nehmen? Vorsicht Falle: Sexy Hexi als Projektionsfläche männlicher Fantasien, ein mordendes, schließlich gemordetes Lustobjekt, um das sabbernde Freier schleichen und greinen, das alles ist keine 1:1-Tragödie, sondern surrealistisches Gleichnis, konstruierte Bildfolge. Oder, wie der im Falle Alban Berg unvermeidliche Adorno doziert, Groteske, die "das Krasse als Kunstmittel" bemüht.

<P>Voll krass ist David Aldens Münchner "Lulu". Sie ist weniger Groteske, eher Comicstrip, in dem keine fertig entwickelten Charaktere kommunizieren, sondern Figuren als Flachreliefs aufeinander treffen.<BR><BR>Morden aus Laune</P><P>Dass das Frauenbild von Vorlage-Dichter Frank Wedekind und Alban Berg heute nurmehr Schulterzucken hervorruft, hat wohl auch Alden geahnt. Und das Amerika der 50er, in das er seine "Lulu" verfrachtet, in jenes Land, wo das Dogma der Prüderie mühevoll Gewalt im Zaume hält, vielleicht sogar provoziert, erscheint daher plausibel. Für die Bayerische Staatsoper griffen Alden und Dirigent Michael Boder auf die dreiaktige, durch Friedrich Cerha vervollständigte Fassung zurück. Den Einwänden der Puristen zum Trotz erzählt sie immerhin die Geschichte vom Aufstieg und Fall der Titelheldin.<BR><BR>Und Margarita De Arellano, im Nationaltheater erstmals und höchst beeindruckend in einer großen Rolle zu erleben, beginnt als Zwölfton-Barbie, die vom Maler zu perversen Blutfotos genötigt wird. Sie wandelt sich zur mondänen Bewohnerin eines Apartments hoch über Los Angeles, später zur Business-Lady, bevor sie sich am Ende, im nun heruntergekommenen Zimmer des ersten Bildes, das zerfetzte Baby-Doll-Kleidchen überstreift. Das übrige Personal bildet Staffage, bunt, exaltiert, Mitwirkende eines Hystericals, unter denen Morde weniger aus Lust, eher aus Laune passieren.<BR><BR>David Aldens Inszenierungen sind inzwischen gefährlich vorhersehbar: das Auto auf der Bühne, die Pop-Art-Ästhetik, der mafiose Trenchcoat-Schick, die Kino-Zitate  - Meterware eines kreativen Vielinszenierers, der über ein dickes Sparbuch an Einfällen verfügt, dieses aber oft nur für Luftbuchungen plündert. Aldens Personen handeln weniger aus innerer Logik und Motivation, sondern wirken meist nur beschäftigt. Dialogszenen, etwa zwischen Alwa und Dr. Schön, in denen Entscheidendes verhandelt wird, schwächeln daher.<BR><BR>Alden wollte offenbar Vereinzelung, Ich-Bezogenheit und Oberflächlichkeit vorführen, hier wird dieser Vorsatz freilich zum Dilemma, treten die Figuren doch in kaum wahrnehmbare Beziehungen zueinander. Dass Dr. Schön und sein Sohn Alwa Lulu verfallen sind, ist in einer Aufführung nicht spürbar, die sogar die Gräfin Geschwitz zur Nebenrolle abstempelt. Und wie fatal: Bergs Musik, die eine enge Symbiose mit dem Text eingeht, ihn überhöht, über alle kompositionstechnische Spielereien hinaus mit emotionalen Dimensionen versieht, muss sich der Regie-Fülle unterordnen - und mutiert zur Untermalung. Das ist doppelt schade, steht doch mit Michael Boder ein Mann im Graben, der den Edel-Sound des Staatsorchesters nutzt, sich für die herbe Poesie der Partitur interessiert. Natürlich könnte alles kantiger, schärfer klingen. Doch wie Boder Detailreichtum aufdeckt, ihn einbettet in einen lyrischen, geschmeidigen Gestus, das macht ihn zum Sieger des Abends.<BR><BR>Musikalisch also präsentierte sich die Staatsoper von ihrer besten Seite - was leider die Bayern 4-Hörer nicht mitbekamen, wurden die doch aufgrund eines technischen Defekts mit einer "Lulu"-Konserve abgespeist. Tom Fox sang mit rauem, scharf profiliertem Bariton, war als Dr. Schön cooler Geschäftsmann und sonderbar sympathischer Fiesling: Was hätte ein anderer Regisseur mit diesem Darsteller anfangen können . . . Alwa einmal mit Heldenstimme, dieser Plan ging bei John Daszak auf, der mit lyrischem, leicht ansprechendem und daher modellierfähigem Tenor gestaltete, Schöns Sohn als liebenswerten, tapsigen Typen zeichnete. Auch Jacek Strauch entsprach als Tierbändiger/Athlet nicht der Konvention: kein gestählter Schönling, eher ein in die Jahre gekommener SED-Funktionär, bei dem die vokale Emphase nur wie eine Behauptung wirkte.<BR><BR>Von der Regie im Stich gelassen wurde Katarina Karné´us (Geschwitz), die allein auf das sinnliche Glühen ihres Mezzos vertrauen musste. Und Franz Mazura, der Schigolch mit den Norma-Tüten, spielte seine überlegene Präsenz aus, war auch der einzige, bei dem wirklich jedes Wort zu verstehen war - und der seine Erfahrung nutzte, um der Rolle das Fleisch zu geben, dass Alden den übrigen Figuren verweigerte. Margarita De Arellano wurde zu Recht umjubelt: Lulu liegt ihr ideal in der Stimme. Die gezackte Dramatik, die oft geforderte hohe Lage, die konditionsfressende Länge, all das bereitete ihr keine Probleme, wurde souverän als Ausdrucksmittel eingesetzt. Und wer befürchtete, mit dem aufgekratzt Püppchenhaften werde sich ihre Charakterisierungskunst erschöpfen, sah sich getäuscht - Margarita De Arellano konnte die Fallhöhe Lulus beglaubigen. Weniger allerdings, dass diese Figur auch eine Aura des Geheimnisvollen umweht, dass von ihr etwas ausgesendet wird, was über alles Playgirl-Image hinaus die Mannsbilder verrückt macht.<BR><BR>Aldens Lulu gleitet am Ende ins Irreale: Noch einmal erscheinen ihr alle "abgelegten" Liebhaber, auch ihr größter, der hier nicht als Jack the Ripper, sondern unzweifelhaft als Dr. Schön mit Beil in einer US-Vorstadtsiedlung zum Rächer wird. Ein starkes Bild, das indes nicht alles ausbügeln kann. "Über die ließe sich freilich eine interessante Oper schreiben." Alwa hätte da hinzufügen müssen: Falls sich ein kongenialer Regisseur findet.<BR><BR><BR></P>

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