Lust am schrägen Klang

- Der Mann muss ein Liebling der Götter sein: Den ganzen Tag hatte es geregnet, aber pünktlich zum Einlass der Zuhörer ist es plötzlich trocken, und als Sting dann schließlich am Sonntagabend auf die Bühne tritt, lugt sogar die Sonne durch die Wolken. So kann Sting, ganz distinguierter britischer Gentleman, aufgeräumt seine 20 000 Fans auf dem Münchner Königsplatz angesichts der prächtigen Kulisse "in meinem Schloss" willkommen heißen und zwei Stunden lang gute Laune verbreiten.

<P>Das gelingt dem 50-jährigen Pop-Chamäleon nicht zuletzt, weil er sich ganz offenkundig nicht mehr so arg wichtig nimmt und darauf verzichtet, den gestrengen Weltenretter zu geben. Stattdessen vollbringen der Sänger und seine exzellente, siebenköpfige Begleitband den Drahtseilakt zwischen ausgelassenem Pop-Ereignis und anspruchsvollem Konzert. Die einprägsamen Melodien werden immer wieder durch virtuose Variationen durchbrochen. Die Lust am schrägen Klang geht immer wieder mit Sting durch. Das sind die schönsten Momente des Abends - weil man dem Künstler anmerkt, dass er Freude an seiner eigenen Musik hat. <BR><BR>"Ab morgen ist Sommer."<BR>Sting</P><P>Das war nicht immer so. In der Vergangenheit wirkte Sting nicht selten wie ein Professor, der dem Publikum erläutert, weshalb es Tonart- oder Tempowechsel gut zu finden hat, und der dadurch als Unterhalter gepflegte Langeweile verbreitete. Mittlerweile hat sich der ehemalige Lehrer von dieser Attitüde befreit, und das tut ihm und der Show gut. Mit launigen Tanzeinlagen zerstört Sting sein Image des Langweilers und sorgt für Stimmung, ohne die Qualität seiner Songs nach unten anzupassen. <BR><BR>Im Gegenteil, je wilder der Musiker und seine Band die Hits aus 25 Jahren bearbeiten, desto euphorischer reagiert das Münchner Publikum. Wenn er etwa den ersten "Police"-Hit "Roxanne" zu einem zehnminütigen Monster macht, bei dem er das Thema immer wieder neu variiert, verliert und wiederfindet, ist das schlichtweg grandios. So pendelt Sting zum Vergnügen des Auditoriums auch bei den anderen Hits zwischen Jazz, Soul, Club-Musik und Rock. Dank der begeisterungsfähigen Band wirkt das nie akademisch - auch wenn Sting selbst nicht dieselbe Leidenschaft an den Tag legt wie seine Mitstreiter.<BR><BR>Als Brite hat man sich schließlich im Griff. Wenigstens bis zur Zugabe. Mit dem orientalisch angehauchten "Desert Rose" bringt er den Königsplatz mit einer ekstatischen Vorstellung doch noch zur Raserei. Mit der unsterblichen Herzschmerz-Hymne "Every Breath You Take" vertreibt Sting die Abendkühle dann endgültig. "Ab morgen ist Sommer", verspricht er zum Abschied auf Deutsch. Nach diesem Konzert glauben wir Sting alles. </P><P> </P>

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