Die Lust am unfriedlichen Zweifel

- Feridun Zaimoglu ist selten entspannt: Ständig hält er die Augen offen nach den leidend liebenden "einheimischen Touristen", über die er schreibt. Wie in seinem neuen Buch "Zwölf Gramm Glück".

<P>"Zwölf Gramm Glück" lässt dem Leser genau zwölf Gramm Hoffnung auf die wahre Liebe. - Ist das noch Optimismus?<BR><BR>Zaimoglu: Es ist vielleicht mehr als eine optimistische Haltung. Es ist nicht nur der Wunsch, sondern auch die Gewissheit, dass sich Sehnsüchte erfüllen. Ich wollte auf die kleinen situativen Schönheiten nicht verzichten, auch nicht auf den Zuckerpuder, man braucht es doch. Auch wenn das Herz gebrochen wird, ist die Sehnsucht groß, es möge eine kommen, die Feuer legt in mein Herz. - Ich hatte Lust auf diese Geschichten und ich hatte Lust, die Lust anzufachen in diesem unfriedlichen Zweifel.<BR><BR>Ihr Buch ist zweigeteilt in ein "Diesseits" und ein "Jenseits". So sehr unterscheiden sich diese beiden Welten dort aber gar nicht.<BR><BR>Zaimoglu: Zunächst einmal sind da diese beiden unerbittlichen Klammern: Man weiß, dass Diesseits und Jenseits zwei getrennte Welten sind. Heißt es. Dann, im Fernsehen, sehe ich aufgebrachte Menschen, die Waffen in den Himmel recken, ich denke: Im Orient müssen die Männer und Frauen ständig schreien, immer wird etwas zerstört, das ist nicht das Diesseits. Sie leben und sind gleichzeitig eingebunden in etwas, das uns befremdet. Deshalb habe ich in der einen oder anderen Jenseits-Geschichte einen Heimkehrer aufgegriffen.<BR><BR>Braucht man diese Heimkehr, um nicht durchzudrehen?<BR><BR>Zaimoglu: Man braucht Leben im Diesseits, um dort nicht durchzudrehen. Aber man dreht trotzdem durch. Diese Protagonisten im Jenseits sind Menschen, die die Heimkehr versuchen, es gelingt ihnen aber nicht, den Anschluss zu finden.<BR><BR>Nicht einmal auf die Gottesliebe ist noch Verlass . . .?<BR><BR>Zaimoglu: Immer wieder stößt man ja auf gähnende Leere: unter Menschen oder, wenn man den Kopf hebt und zum Himmel starrt. Es kommt ganz darauf an, woran man glauben möchte. Das bisschen Glücksglaube reicht, das treibt einen an. Die Menschen in meinen Geschichten, die sich gern nach der ersten oder zweiten Liebe als Besiegte sehen, müssen, auch wenn sie zum Himmel starren, zurückkehren. Es ist nicht der Job einer Frau, sie zu erlösen, aber es kann den Männern nichts Besseres passieren.<BR><BR>Bisher standen diese Männer verloren zwischen zwei Kulturen und nun gar zwischen Dies- und Jenseits.<BR><BR>Zaimoglu: Ich bin ja dahin gehend romantisch, weil ich an die Liebe zwischen Frauen und Männern nicht einen Tag gezweifelt habe. Ich habe geflucht über die Frau, ich habe sie verwünscht, aber ich hab's nicht lassen können, trotzdem. Selbstverständlich sind die Hauptfiguren Männer. Und selbstverständlich will ich auch so ehrlich sein, all dieses ganze Material der Männer mit hineinzubringen.<BR><BR>"Selbstverständlich"? Es gibt ja durchaus Autoren, die aus der Sicht von Frauen schreiben.<BR><BR>Zaimoglu: Richtig. Und das ist, so viel kann ich verraten, mein nächster Wurf: Das ist ein Roman aus der Sicht einer Frau. - Mein Gott, ist das schwierig! Ich glaube, dass ein Autor versucht, sich in eine Frau hineinzuversetzen, das kann nur schief gehen.<BR><BR>Dennoch gelingt es Ihnen?<BR><BR>Zaimoglu: An diesem Buch hab' ich entdeckt, dass man schreibend Atmosphären, Temperaturen herstellen kann. Und die von Frauen sind andere als die von Männern. Es ist ein anderes Vokabular, eine andere Sicht, es lässt viel mehr zu, ist nicht so schlussfolgernd. Den Zugang zu meiner Protagonistin habe ich nur finden können über die Temperatur. Und da ist man nicht nur dabei: Ich bin sie, während ich schreibe! - Vielleicht nehm' ich mir danach ein halbes Jahr Zeit und muss mich davon erholen.</P><P>Das Gespräch führte Teresa Grenzmann<BR><BR></P>

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