Diagnose da: So lange fehlt Müller dem FC Bayern

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Lust an der Verausgabung - Stardirigent als Regie-Debütant: Nikolaus Harnoncourt und "Idomeneo"

Graz - Einmal und nie wieder. Und es muss schon viel zusammengekommen sein, Mut und Wut und Lust, dass Nikolaus Harnoncourt sein Temperament nicht wie gewohnt an Dirigaten und Interviews auslässt, sondern sich tatsächlich in den Regiestuhl setzt. Quasi in der Nachfolge Karajans, aber eben auch Hengelbrocks oder Gardiners, denen allen Taktieren irgendwann nicht mehr genug war.

Alles falsch, polterte Harnoncourt in den letzten Monaten und schickte damit sämtliche "Idomeneo"-Deutungen in den Orkus. Sein Vorwurf: Viel zu lange habe man das Stück als italienische Opera seria missverstanden - wo es sich doch um ein französisches Musikdrama aus dem Geiste Rameaus handele, Ballette als notwendige Ausdruckselemente inbegriffen. Im eigenen Festival-Biotop, der Grazer Styriarte, stemmte er nun mit Ko-Regisseur und Sohn Philipp Harnoncourt plus Heinz Spoerli und seinem Züricher Ballett das Gegenmodell. Alles richtig?

Verstörende Entdeckungen

Den Wurf, das nie Gedachte und Gesehene hatte ja keiner erwartet. Harnoncourt, aufführungstechnisch der einflussreichste Dirigent unserer Zeit, ist viel zu sehr Handwerker (und Historiker), als dass er sich in Konzeptkrämpfen winden würde. Anfangs freilich wurd's einem in der Helmut-List-Halle, zwischen verschiebbaren Schülertheaterkulissen, Händeringen und Rampensingen, arg bang: eine Aufführung, die am Konventionellen, auch Unbeholfenen zu ersticken drohte.

Doch dann dieser Moment. Ilia, von Julia Kleiter mit quellfrischem Sopran erfüllt, charmiert in Richtung Orchester, holt sich ein Bläserquartett auf die Bühne, erweitert damit ihre Arie zur Sinfonia concertante. Und spätestens jetzt wird Harnoncourts Absicht deutlich, eine Aufführung ganz aus dem Geiste der Musik, ihren Gesten, Entwicklungen und Kraftfeldern abzubilden. Oratorisches, Statisches wird auch so gezeigt - und vom Ballett belebt. Es ist, vor allem das rührt beim Zuschauen, ein grundehrlicher Abend. Schnörkellos, oft wie improvisiert, ohne Grübel-Ballast, jedoch stets von bedingungsloser Liebe zu Mozarts Partitur motiviert.

Die Aufführung ist sogar "Münchnerischer" als die Eröffnung des Cuvilliés-Theaters mit ihrem Fassungszwitter. Natürlich und musikalisch richtig wird in Graz Idamante von einem Mezzo gesungen, von der sehr sopranig, sehr jugendfrisch klingenden, empfindsam, aber ohne viel Eros-Balsam gestaltenden Marie-Claude Chapuis.

Und selbstverständlich benutzt Harnoncourt die Münchner Uraufführungsversion inklusive aller Ballette und Mozarts radikalen, dramaturgisch schlüssigen Strichen, die etwa Elettra die Finalarie vorenthalten. Was Eva Mei mit kühl glitzerndem, auch selbstironischem Furor offenbar wenig kümmert: Die Harnoncourts bescheren ihr immerhin einen furiosen Abgang durchs ansteigende Parkett inklusive "Tosca"-Sturz. Alles läuft hier auf das umwerfend gespielte und eindrücklich getanzte Ballett-Finale zu.

Wobei sich das stärkste Drama, wer hätte anderes erwartet, im Graben ereignet. Mit dem Concentus Musicus nimmt Harnoncourt Tempo-Dampf heraus, um melossatte, fast Schubert-nahe, aber auch verstörende Details oder aufregende Mixturen zu emanzipieren. Ein scharfkantiges Klangrelief ist dieser "Idomeneo", bei dem man weniger an den Sturm-und-Drang-Mozart denkt, vielmehr an den selbstbewussten Schöpfer einer frühen Grande Opéra. Immer wieder lässt Harnoncourt die Musik zusammensacken, operiert überhaupt ungewohnt oft im unteren Dezibelbereich. Von Herzweh gezeichnet das Quartett, von genau gestufter Ausdruckswucht dagegen die Volksnummern mit dem grandiosen Arnold-Schönberg-Chor.

Eine kleine Sensation aber ist der 27-jährige Saimir Pirgu in der Titelrolle. Der Albaner verbindet Stilempfinden und überlegenes vokales Können mit der Lust an der Verausgabung. Sein Idomeneo ist ein zorniger, wohl zu früh an die Macht geratener Herrscher, der, von Gegensätzen zerrieben, abdankt. Harnoncourt zeigt den König im Konflikt zwischen starken Glaubensführern, Arbace und Oberpriester. Stets ist das riesige Abbild Neptuns präsent, zum Orakelspruch erlischt gar das Licht im Saal. Am Ende ragt noch die Aufklärungsproblematik herein - Bücher werden vernichtet, zur Ballett-Chaconne bricht indes die neue Zeit an: Ein Bub schmökert hingebungsvoll am Bühnenrand. Trampeln, Ovationen.

"Ich will irgendwann selber scheitern, wenn schon gescheitert sein muss", hatte Harnoncourt gesagt. Das stünde ihm nach diesem Regie-Debüt freilich noch bevor.

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