Lust am Verhaltenen

- Diese Oper hat mehrere Probleme. Sie heißen unter anderem John Wayne, Charles Bronson, Clint Eastwood, womöglich Michael "Bully" Herbig . . . Die Oper kann dafür im Grunde nichts, sie war schließlich zuerst, also 1910, da. Aber wer heute Giacomo Puccinis "La fanciulla del West" (Das Mädchen aus dem Goldenen Westen) auf die Bühne bringen will, vor dem türmt sich die Übermacht des Klischees: schwitzende Männer in schwieligen Satteln, meterweit flutschende Whiskeygläser auf dem Saloontresen, und draußen, zwischen sonnenverbrannten Hügeln, lauert, hugh, die Rothaut.

<P>Nur einer ist in der Deutschen Oper Berlin aus diesem Fundus übrig geblieben - Sheriff Jack Rance, vom Stiefel bis zum Scheitel in vertrautes Schwarz getaucht, wozu die steifbeinige Macho-Geste von Lado Ataneli und die unerschütterliche Wucht seines rauen Baritons ganz gut passen. Doch Bedienstete in Matrosenanzügen schon vor dem Eingang an der Bismarckstraße, dazu auf Koffern kauernde Passagiere an den Treppenabsätzen, tutende Schiffshörner und das Jazz-Quintett "The Toughest Tenors" im Hauptfoyer verbreiten anderes: Emigranten-Stimmung. Denn Achtung, Ambition - zuerst wird "geboardet" für die Überfahrt, dann hebt sich der Vorhang zum Westen.</P><P>Vom Eisberg bedroht<BR><BR>Berlins Traumschiff droht allerdings gleich mehrfach der Eisberg. Der erste Akt ist eine gerümpelige, stilvermixte Ausstattungsschau zwischen Wellblech-Stuben und einem Fast-Food-Wagen, vor dem Goldgräber und Santa-Klausis warten, während eine Anzeigetafel zum "Take off" (fliegende Schiffe?) mahnt. Als Leder-Proll rammt Dick Johnson in diese geschlossene Gesellschaft von Minnies Verehrern, wobei die bullige Körperlichkeit mehr verspricht, als die Stimme einlöst. Dario Volonté´, in Doris Dörries Berliner "Turandot" ein imposanter Calaf, singt mit angezogener Handbremse und stumpfem Tenor - offenbar eine nicht mitgeteilte Indisposition.<BR><BR>Regisseurin Vera Nemirova misslingt anfangs die Fokussierung auf die drei Hauptpersonen. Das gleicht sie im (ohnehin besser gebauten) Mittelakt aus, lässt Minnie und Jack auf dem Rücken des schwer verletzten Dick ihr Pokerspiel austragen. Doch garniert wird das alles mit einer Riesenportion Unlogik. Klappstühle vor einer Art aufgeschnittenem Wohnwagen verheißen laue Nächte, was die Schneemaschine heftig pustend widerlegt. Minnie bietet ihrem Dick, der die speckige Kluft gegen einen weißen Anzug vertauscht hat, nur den Fußboden als Lager. Für Satellitenschüsseln war offenbar Geld da - und für ein Bett?<BR><BR>Erträglich bleibt vieles durch die Natürlichkeit und die Präsenz von Paoletta Marrocu. Eine herbe, zupackende Minnie in Schnürstiefeln und im kleinen Grauen, die sich allmählich Jungmädchen-Charme gestattet. Und das wird auch, eine wohl ungeplante Wirkung, hörbar, gewinnt doch Paoletta Marrocus Sopran im Laufe der Premiere an Geschmeidigkeit, dramatischer Sicherheit und flammender Leuchtkraft.<BR><BR>Gespür für die Emotion</P><P>Fürs Finale greift Vera Nemirova dann munter und wahllos in den Zettelkasten ihres ebenfalls anwesenden Regie-Lehrers Peter Konwitschny: Spots ins Publikum, Minnies rettender Auftritt aus dem Parkett, ein TV-Team auf der Bühne. Laubsägewolken suggerieren Ironie, das hohe Paar schließlich gleitet, von abendlichem Kitsch umleuchtet, langsam nach hinten. Und sichtbar werdende Brandmauern sagen uns: Ätsch, alles nur Fiktion - doch da hat sich der Eisberg bereits in die Produktion gebohrt.<BR><BR>Es bleibt also eine One-Man-Show. Christian Thielemann, ab Herbst auch Chef der Münchner Philharmoniker, hat in Berlin schon vor einigen Monaten mit "Suor Angelica" und eben jetzt mit "La fanciulla del West" gezeigt: Er kann ganz ausgezeichnet mit Puccini. Ob Deutschromantik oder Italianitá´, Thielemann hat ein enormes Gespür für den emotionalen Gehalt der Musik, für dramatische Entwicklungsprozesse - und für die erforderlichen instrumentalen Feinjustierungen. <BR><BR>Und so gischtete in dieser Premiere Strauss'sche Dekadenz aus dem Graben, ließ Thielemann mit symphonischem, etwas sängerunfreundlichem Aplomb musizieren, nur um sich wenig später hingebungsvoll kleinen Piano-Verschiebungen zu widmen. Denn noch mehr als die "großen" Momente überzeugte Thielemanns Lust am Verhaltenenen. Ganz behutsam ließ er das Orchester der Deutschen Oper Lyrismen zaubern und delikate, fast impressionistische Farbwirkungen erzielen.<BR><BR>Die volle Beethoven-Brahms-Bruckner-Packung in Thielemanns erster Münchner Saison führt also, wie dieses Berliner Ereignis zeigt, in die Irre: Der Mann bastelt sich doch glatt ein neues Image.<BR></P><P> </P>

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