Lustgefühle im Studio

- Eine neugierige Grenzgängerin war Anne Sofie von Otter schon immer. Eine Mezzosopranistin, die sich bei Glucks "Orpheus" (im November am Münchner Nationaltheater), Offenbachs Operetten oder Schuberts Liedern gleichermaßen zuhause fühlt. Nun hat sich die Schwedin Musik ihrer Landsleute vorgenommen: Auf ihrer neuen CD "I let the Music speak" (Deutsche Grammophon) singt sie Lieder von ABBA und andere Kompositionen von Benny Andersson.

Live ist Anne Sofie von Otter mit diesem intimen Balladen-Programm, das überdies Lieder von Friedrich Hollaender und Kurt Weill bietet, am 1. Oktober in der Münchner Philharmonie zu erleben.

Was werden wohl ABBAFans zu Ihrer Interpretation sagen?

Anne Sofie von Otter: Ehrlich gesagt, das weiß ich nicht. Für einige ist ABBA sicher ganz heilig, die werdenl skeptisch sein. Andere sind bestimmt froh, dass sie wieder eine neue Platte mit ABBA-Musik kaufen können.

Wie sah Ihr erstes ABBA-Erlebnis aus?

von Otter: Das war in Schweden, als die Gruppe bei der nationalen Ausscheidung zum Eurovision Song Contest "Ring, Ring" sang. Die Musik fand ich nicht schlecht. Aber die vier sahen doch ein bisschen komisch aus mit ihrer seltsamen Kleidung. Viel später habe ich mir das letzte Album "The Visitors" gekauft. Und so richtig begeistert war ich dann von Benny Anderssons Musical "Kristina aus Duvemala".

Ist es für eine Opernsängerin schwer, sich auf diesen völlig anderen Stil umzustellen?

von Otter: Nur manchmal. Wir haben ja deshalb eher die sanfteren Lieder ausgesucht -auch wenn es "Money, Money" als Bonustrack auf der CD gibt. Die richtigen Disco- Hits wie "Dancing Queen" passen ja gar nicht zu mir. Wenn ich mit viel Power so etwas singe, kann das ziemlich schnell ziemlich komisch klingen.

Aber in einem kleinen Studio zu sitzen, nur mit einem Mikrofon, und dann loszusingen und aufzunehmen: Das ist doch eine "fachfremde" Situation.

von Otter: Das schon. Doch irgendwie war ich immer in Mikrofone verliebt. Ich nehme einfach gerne CDs auf. Es ist schön und schwierig. Und wenn diese genaue Arbeit klappt, ist ein sehr großes Lustgefühl damit verbunden.

Manche Ihrer Kollegen hassen es oder fürchten sich davor, ihre Stimme auf Aufnahmen zu hören. Und Sie?

von Otter: Ich höre meine Stimme gern. Gut, wenn es nicht funktioniert, bin ich sauer. Aber ich bin nicht so eine, die voller Schamgefühl vor den Lautsprechern sitzt. Was anderes sind Film- oder Fernsehaufnahmen. Wenn ich mich da sehe, empfinde ich mich als total peinlich.

Sitzt in solchen Konzerten jetzt ein anderes Publikum, als Sie es normalerweise gewohnt sind?

von Otter: Ich glaube nicht. Die meisten kommen wohl, weil sie mich von der Oper oder vom Konzert kennen. Obwohl: Einige habe ich auch mit ABBA-T-Shirts gesehen.

Sie haben schon mit Elvis Costello gearbeitet, ABBA ist also nicht Ihr erster Ausflug ins Pop-Fach. Sind Sie manchmal vom Klassikbetrieb frustriert?

von Otter: Nein. Ich habe ja schon immer sehr unterschiedliche Sachen gesungen, von der Renaissance bis zu American Standards. Ich mische eben sehr gerne. Und mit meiner Stimme, die ja nicht so extrem opernhaft ist, klappen solche Pop-Ausflüge auch ganz gut. Ob Pop oder Klassik: Ich empfinde alles in erster Linie als Musik. Die Sparte ist mir dabei gar nicht so wichtig.

Hätten Sie sich auch eine Pop-Karriere vorstellen können?

von Otter: Nicht wirklich. Obwohl ich als Teenager nur dieses Repertoire gehört und gesungen habe. Zur Klassik kam ich erst durch den Chorgesang. Ich fühle mit jetzt im Klassik-Bereich sehr selbstständig -und ich langweile mich nie mit meinem Repertoire.

Was hat denn Benny Andersson, was Händel und Monteverdi nicht haben?

von Otter: Er hat etwas, dass Händel und Monteverdi auch haben: ein Ohr für schöne Melodien und Harmonien.

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