Lustspiel mit Tiefgang

"Klein Eyolf" im Residenztheater: - Mit "Klein Eyolf" rundet sich im Bayerischen Staatsschauspiel eine Ibsen-Trilogie, die modern, aber nicht modernistisch den alten Norweger befragt. Mit "Brand" machte Thomas Langhoff den Auftakt, Tina Lanik folgte mit dem fulminanten "Baumeister Solness", und Langhoff vollendet das Ganze. "Klein Eyolf" (Übersetzung: Heiner Gimmler) hatte am Donnerstagabend am Münchner Residenztheater seine intensiv beklatschte Premiere.

Ausstatter Stefan Hageneier baute eine richtige Wohnung auf die Bühne. Man blickt auf diverse, im Stil der 60er-Jahre eingerichtete Räume. Eine große, geländerlose Freitreppe führt im nüchternen Zickzack nach oben. Und wenn die Damen Rita und Asta ihren ganz beiläufig "hingewischten" Auftritt haben, absolvieren sie den in Kleidern von heute. Das funktionale, ästhetisch frische, aber recht nüchterne Wesen des skandinavischen Designs des 20. Jahrhunderts hat sich Langhoffs Inszenierung zum Vorbild genommen. Damit ist der Kontrast zu "Brand", dem frühen Henrik-Ibsen-Drama (1865), geschaffen. Dort dräute die Natur in fürchterlicher Nähe, die Menschen verkrampften sich im tödlichen Alles-oder-nichts. In "Klein Eyolf" aber, 1894 geschrieben, zeigt Langhoff Ibsen nicht mehr als düsteren Nordmann, sondern als fortschrittlichen Aufklärer.

Dennoch bleiben die Motive wie das tote Kind, die unheimliche, sagenumwobene Figur, die drohende/\x0frettende Natur erhalten; ganz abgesehen von den zentralen Stoffen: Paar und Familie; wie sie ja genauso in "Baumeister Solness" vorkommen. Langhoff lässt das Stück um das behinderte Kind Eyolf, das bald ertrinkt, als locker hingetuschte Beziehungsgeschichte starten. Yasmina Reza, Woody Allen oder Eric Rohmer fallen einem ein, wenn der bebrillte Intellektuelle Allmers (Stefan Hunstein) in komischer Steifheit um seine schöne, charmante und elegante Frau Rita (Sibylle Canonica) herumeiert. Die will ihn nämlich mit allen Sinnen und Sex. Und duldet nur mühsam Haltung bewahrend Rivalen: Allmers Buchprojekt, seine Schwester Asta, symbolschwanger auch "großer Eyolf" genannt, und Sohn Eyolf (von Moritz Bock als kluger Bub gespielt).

All das sind hübsche Zutaten für ein Lustspiel mit Tiefgang, die Ibsen da anbietet und Langhoff mit seinem Schauspieler-Team entsprechend serviert. Bis hin zum kalt peitschenden Ehestreit. Bis hin zum Erscheinen der Rattenjule, die von der gebildeten Familie eher als skurrile Pennerin denn als gefährliche Rattenfängerin bestaunt wird. Heide von Strombeck spielt sie in der ihr eigenen Verschmitztheit: als drolligen Fremdkörper, in dem böse Kräfte schwelen. Lediglich das plötzliche Innehalten, die unvermuteten Generalpausen reißen mahnend Löcher ins Komödien-Parlando.

Die irritieren bisweilen und verleihen den Schauspielern im ersten Akt eine unangenehme Steifheit. Im zweiten und dritten Akt ist sie verschwunden. Eyolf ist tot. Dauerregen prasselt in die Wohnung. Das Wasser, das den kleinen Leichnam weggetragen hat, ist überall. Wie die Trauer. Ibsen fächert die menschlichen Reaktionen von Depression über Wut, stille Gesten bis hin zu Schuldzuweisungen, Selbstmordgedanken und dann zur Selbstrettung auf. Klar, dass Spitzen des Dorn-Ensembles wie Sibylle Canonica und Stefan Hunstein da brillieren: aber uneitel ­ funktional und von höchster Qualität wie skandinavisches Design eben.

Canonica lässt von Anfang an kein Zerrbild zu. Keine erotomanische Megäre aus dem Klischee-Topf des freudianischen Geschlechterkampfs. Ritas Liebe, ihre Eifersucht, ihr besitzergreifendes Wesen, das sogar den eigenen Sohn ausgrenzt, sind in in ihren Charakter verwoben. Die Schauspielerin macht klar, dass Rita das weiß. Unendlich fein zeichnet Canonica diese Frau in ihren Konflikten, in ihrer Zerrissenheit. Die lässig hingeschlenkerten Gesten sprechen von einer souveränen Großbürgerin. Der verklemmt sich sperrende Mund von einer engherzigen, von einer panischen Liebesgeizigen. Eine Widersprüchlichkeit, die bei Canonica schon den Keim zum Positiven in sich trägt. Noch mehr Farben braucht Stefan Hunstein für Allmers. Genauestens dosiert er Spannung und Entspannung. Offen, innig nur im Umgang mit seiner Schweser Asta (Stephanie Leue zeigt eine Aufrechte). Zwanghaft bei Sohn und Ehefrau, weil eingekeilt in Idealvorgaben ­ ganz anders als der kraftvolle Borghejm von Jan-Peter Kampwirth.

Zusammen mit Hunstein und Canonica arbeitet Langhoff ein ungewohntes Ibsen-Bild heraus. Man sieht nicht den Dompteur extremer Egomanen, sondern einen Autor, der u\x0fn\x0fs kennt ­ und jeden erschrecken und obendrein über sich lachen lässt.

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