Ein lyrisches Symphonieorchester

München - 50 Dichter feiern die Liebespoesie: Zum 15. Geburtstag der renommierten Zeitschrift "Das Gedicht" haben am "Abend der poetischen Lust" am Dienstag im Münchner Literaturhaus 50 namhafte Lyriker ihre Liebesgedichte präsentiert.

Der Gesang der Sirenen, Rezepte zum Küssen, alles verzehrender Hunger nach tobender Lust, ein Blind Date im Café oder der Seitensprung - unendlich ist die Bandbreite der Liebesgedichte. Von der Antike bis zum Zeitalter der Globalisierung ist die Liebe das Hauptthema der Verskunst. Liebesgedichte im Minutentakt präsentierten am Dienstagabend im Münchner Literaturhaus rund 50 namhafte Dichter in einer Vollmond-Nacht der poetischen Lust - selten sammelten sich Lyriker in Deutschland in so großer Zahl, um eine Ode an das Gedicht anzustimmen.

Aber auch der Anlass des Zusammentreffens des Clubs der Dichter von 27 bis 65 Jahren war schließlich einmalig: Die Zeitschrift "Das Gedicht", einziges deutsches Fachblatt für Poesie, wird in diesem Jahr 15. Und da dies ein wunderbares Alter ist, mit der ersten großen Liebe, dem ersten Kuss, den ersten Partys, lud der Herausgeber der Zeitschrift, Anton G. Leitner aus Weßling bei München, die deutschen Dichter zum Feiern ein. Sie erschienen zahlreich zum Fest der Liebespoesie und reisten zum Teil von weit her an, nur um wenige kurze Zeilen in nur wenigen Sekunden zu lesen: Der poetische Reigen reichte vom Altphilologen Prof. Niklas Holzberg, der sinnliche Liebesdichtung der Antike vortrug, über den Krimi-Autor Friedrich Ani, den Hamburger Dichter Matthias Politycki bis zum Exil-Iraner Said und der Schriftstellerin Tanja Dückers.

Das im heutigen Literaturbetrieb oftmals ein Mauerblümchen-Dasein fristende Gedicht bekam eine große Bühne. Vom Dreizeiler bis zum Mini-Epos präsentierten die Autoren ihre Verse. Verführen, Berühren, Schweben, Beben - die Aggregatzustände der Liebe beschrieben sie mal in zarten Andeutungen, dann mit klaren Worten. "Seit du geträumt hast, ich könne den Handstand, steht die Welt Kopf", heißt es beim Schweizer Dichter Markus Bundi. "Die Göttergatten in ihren verkehrsberuhigten Ehen" stürzen "wie die Lemminge" in den Ausschnitt einer Frau (Hellmuth Opitz/Bielefeld). "Küsse wollen mariniert sein" und "Küsse immer frisch servieren!", empfiehlt die Berlinerin Sybil Volks in ihrem Gedicht "Kusskuss".

Poetische Berührungen kommen bisweilen komisch daher: "Du bist ich und ich bin du und alle Nachbarn hören zu", rezitiert der Münchner Krimiautor Ani. "Charlotte, ich lieb dich und du liebst Latte Macchiato", trägt Verleger Leitner das neuzeitliche Liebesdilemma vor. Auf Wolke sieben zu schweben, hört sich im fränkischen Dialekt von Fitzgerald Kusz lustig an, auch wenn's schon mal derb wird. Und Alex Dreppec, der sich einen Namen in der "Slam"-Szene der pop-ähnlichen literarischen Vortragswettbewerbe machte, beschreibt das höchste aller Gefühle dichterisch so: "Gib mir eins von Deinen Nackenhaaren als Talisman. Ich klebe es mit Tesa-Film in mein Portemonnaie."

Die meisten der Gedichte sind in der Jubiläumsausgabe der Zeitschrift "Das Gedicht" veröffentlicht, die unter dem Motto "Ich bin dein Nest/du bist mein Fest" steht. Die Lyrik-Zeitschrift erscheint seit 1993 einmal jährlich. Einen Skandal wie im Jahr 2000 wird dieses bereits dritte Heft Leitners mit Schwerpunkt erotischer Lyrik aber wohl nicht provozieren. Die erste Spezial-Ausgabe zum Thema Liebe (Nr. 8) mit dem Titel "Vom Minnesang zum Cybersex - Geile Gedichte!" hatte noch für Aufruhr gesorgt. Paketweise schickten die Buchhändler Leitner das Erotik-Heft zurück. Dann aber wurde es zu einem Renner und erreichte nach Angaben Leitners eine für Lyrik hohe Auflage von 8000 Exemplaren. Im Durchschnitt kommt die Auflage auf 4000 bis 5000.

Dass es zu diesem 15. Jubiläum mit 50 Dichtern kam, sei "ein kleines Wunder", sagte Leitner, der seinen Verlag ohne Subventionen über die Jahre am Leben gehalten hat. Der Abend jedenfalls präsentierte nicht nur Lust in Gedichten, sondern machte auch Lust auf Gedichte.

dpa

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