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Lyrismus des Sichtbaren

- Überprüft wird eine Legende. Für den Bonner Kunstsalon Friedrich Cohen organisierte August Macke 1913 die "Ausstellung Rheinischer Expressionisten" mit Malerei und Grafik von 16 Beteiligten. Gemeint war eine anti-akademische, avantgardistische Haltung junger Künstler unter dem Einfluss der französischen Fauves und Kubisten, der italienischen Futuristen und Robert Delaunays. Seit der ersten Düsseldorfer "Sonderbund"-Schau von 1909, in der Einheimische zusammen mit französischen Impressionisten hingen, wurde ein rheinischer Kunstfrühling registriert.

<P>Mit ihrer vom Berliner "Brücke"-Museum in leicht dezimierter Form übernommenen Ausstellung "August Macke und die Rheinischen Expressionisten" erinnert die Tübinger Kunsthalle jetzt an die damaligen Bemühungen, im Rheinland ein -neben Dresden und München - drittes Gründerzentrum dessen zu etablieren, was später allgemein unter dem Sammelbegriff "Expressionismus" zusammengefasst wurde: als westliches Gegengewicht zum starken Berliner Handel (Paul Cassirer und Herwarth Walden). Mackes agiles kunstpolitisches Engagement erhielt nach 1919 eine modifizierte Fortsetzung in der progressiven Vereinigung "Das junge Rheinland". Er selber fiel am 26. September 1914 als Leutnant an der Westfront, erst 27 Jahre alt.</P><P>Das meiste in der Tübinger Schau stammt aus der seit 1949 angelegten Sammlung des Bonner Kunstmuseums, ergänzt durch weitere Leihgaben. Es fehlen fast ganz die Spaziergänger-Motive. "Er hat vor uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war", schrieb Mackes Freund Franz Marc 1914 in seinem Nachruf. Dieser Lyrismus des Sichtbaren, dieses geordnete Fluidum der Dinge überstrahlt auch jetzt alles Vergleichbare.</P><P>Die stolze Reihe beginnt mit Mackes Blick aus dem Garten seiner Schwiegereltern auf die Bonner Marienkirche (1912) und den 1913/14 in Hilterfingen am Thuner See entstandenen Bildern, dem Blick aus dem Garten auf die Stockhornkette vor allem und dem hoch über dem Marktplatz balancierenden Seiltänzer. Vieles in dieser Ausgewogenheit der Komposition war Delaunay und Matisse zu verdanken. Ungewöhnlich magisch erscheint die Farblichtstimmung beim "Roten Haus im Park" - und nur im Aquarell "Drei Akte mit Rehen am Wasser" gab es 1912 ein Spiel mit wirren Kandinsky-Momenten. Ansonsten hat alles seine luzide Ordnung.</P><P>So unterschiedlich die in Tübingen jetzt wieder versammelten 16 "Rheinischen Expressionisten" von 1913 auch erscheinen mögen - allen gemeinsam ist die Nähe zu den Franzosen, eine sinnenhaft harmonische Malkultur, eine formale Geschlossenheit. Weder die grell verformende Radikalität der "Brücke" noch die Metaphysik des "Blauen Reiter" konnten dort Fuß fassen. Campendonk kokettierte mit dem Kubismus, Carlo Mense mit den Futuristen. In Mackes unmittelbarem Umkreis hielten sich Hans Thuar, sein Freund seit der Kindheit, und Paul Adolf Seehaus.</P><P>Den Prinzipien des Malerischen verpflichtet blieben der von van Gogh und Gauguin angeregte Heinrich Nauen, Mackes Vetter Helmuth, der in Berlin und Paris geschulte William Straube, die mit "Weg im Park" hier leider unterrepräsentierte Marie von Malachowski und der mit entschiedener Hand sich selber ins Bild stellende Franz Jansen. Nur drei Holzschnitte erinnern an Olga Oppenheimer. Insgesamt bieten die seitlichen Grafik-Kabinette ein reiches Studienmaterial. </P><P>Bis 6. April; montags geschlossen; Katalog 25 Euro; Tel.: 07071/ 9 69 10.<BR></P>

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