Tagebuch eines Sterbenskranken 

„Mach dich vom Acker, Körper“

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Mit dem Tod vor Augen produzierte er grandiose Literatur: Wolfgang Herrndorf schrieb in den letzten Jahren seines Lebens wie nie zuvor. Sein Internet-Tagebuch „Arbeit und Struktur“ gibt es jetzt als Buch – atemberaubend gut.

Als der literarische Ruhm ihn endlich fand , war das für Wolfgang Herrndorf ein tragischer Moment. Im Herbst 2010 war „Tschick“ erschienen, sein furioser Jugendroman. Alle liebten ihn, sogar die Schüler, die ihn im Unterricht als Pflichtlektüre lasen. Aber Herrndorf schrieb am 15. Januar 2011 in sein Internet-Tagebuch:

„Gerade werden die Filmrechte verhandelt. Und das ist vielleicht der Punkt, wo ich dann doch so eine Art von Ressentiment empfinde: 25 Jahre am Existenzminimum rumgekrebst und gehofft, einmal eine 2-Zimmer-Wohnung mit Ausblick zu haben. Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre.“

Der Grund: Im Februar 2010 hatten die Ärzte bei Herrndorf einen bösartigen Hirntumor gefunden, ein Glioblastom. Unheilbar – das Todesurteil. Und während sich „Tschick“ Auflage um Auflage verkaufte, mit Preisen überschüttet wurde, schnitten die Ärzte Stücke aus Herrndorfs Hirn heraus. Dreimal wurde er operiert, bekam Bestrahlungen und Chemotherapien. Aber es war klar: Er würde sterben.

Herrndorf war erst 44, als er die Diagnose bekam. Schnell fasste er einen Entschluss: Er wollte die ihm verbleibende Zeit nutzen – um zu schreiben („nur Arbeit hilft“). Anderthalb Jahre, genauer „17,1 Monate“, verhieß ihm die Medizin noch. Am 13. März 2010, kurz nach der Diagnose, notiert er:

„Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem. (geweint)“

Herrndorf lebte noch mehr als drei Jahre, bis er seinem Leben selbst ein Ende setzte. Dem Sterben hat er ein großartiges literarisches Werk abgetrotzt. Außer dem Ausreißer-Buch „Tschick“ schloss er den 500-Seiten-Roman „Sand“ ab, einen stark verästelten Wüsten-Thriller. Und nebenbei betrieb er das bereits zitierte Internet-Tagebuch.

Was zunächst nur für Freunde gedacht war, machte er bald auch der Öffentlichkeit zugänglich. Es bildete sich eine Fan-Gemeinde, die die Einträge mit angehaltenem Atem las. Nun sind sie als Buch erschienen. Es trägt den Titel „Arbeit und Struktur“.

Das Buch ist eine Tour de Force. Herrndorf protokolliert sprachlich und gedanklich brillant Besuche im Infusionszimmer, Panikattacken, manische Anfälle, in denen er wie ein Besessener Literatur produziert. Aber er zeigt auch seinen unstillbaren Welthunger, den treuen Kreis der Freunde, die ihm helfen, weiterzumachen. Sie sind dabei, als er kurz in die Psychiatrie kommt:

„Gestern haben sie mich eingeliefert. Ich trug ein Pinguinkostüm.“ (8. März 2010)

So beginnt das Tagebuch. Das Kostüm sei ein Witz gewesen, sagt Herrndorf. Und liefert eine unfassbar genaue Selbstbeobachtung seiner Manie hinterher. Nie allerdings macht er sich dabei zum Voyeur des eigenen Leids. Herrndorf schreibt sich vielmehr ins pralle Leben hinein, das er bis zur Verzweiflung liebt – und langsam verliert:

„Nacheinander drei Teile vom Backenzahn ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, nimm mit, was du tragen kannst.“

Herrndorf hatte sich frühzeitig eine „Exitstrategie“ zurechtgelegt: Er wollte sich erschießen, wenn er die Kontrolle verlieren würde, der Gedanke beruhigte ihn:

„Ich schlafe mit der Waffe in der Faust, ein sicherer Halt, als habe jemand einen Griff an die Realität geschraubt.“

Am 26. August 2013 löste er den Griff: Herrndorf schoss sich am Spreeufer in den Kopf.

Robert Arsenschek

Wolfgang Herrndorf:

„Arbeit und Struktur“. Rowohlt Verlag, Berlin, 447 Seiten; 19,95 Euro.

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