Macht gegen menschliches Maß

- Weit weg und winzig klein stand Liu vor den monströsen Mauern der Verbotenen Stadt und rührte mit ihrem Gesang fast 30 000 Menschen. Yao Hong, die chinesische Sopranistin, zeigte zarte Gefühle und siegte. Im Halbrund des Münchner Olympiastadions, wo am Samstagabend die vermutlich gigantischste Operninszenierung der Welt - Puccinis "Turandot" - gastierte, herrschte Stille, wenn sie ihre Liebe zu Calaf beschwor. Mit weich strömendem, lyrisch leuchtendem Sopran wagte sich Yao Hong mutig in Piano-Regionen, die der Monstershow spotteten, sie zurückholte auf ein menschliches Maß.

Die Tonanlage war miserabel ausgesteuert

In diesen Momenten funktionierte auch die akustische Anlage, die ansonsten miserabel ausgesteuert war und im Forte sensiblere Ohren folterte. So laut war Oper wohl noch nie. Doch Hand aufs Herz, wer ihren Feinheiten lauschen will, der setzt sich nicht ins Stadion. Hier gelten andere Gesetze.

Zhang Yimou, Chinas renommiertester, mehrfach Oscar dekorierter Filmregisseur, arrangierte grandiose Bilder vor der von Gao Guangjian und Zeng Li nachgebauten, imposanten Kulisse von Pekings Verbotener Stadt. Große Aufmärsche und geradezu poetische Tänze (Choreographie: Chen Weiya) belebten nicht nur die Dekoration, sondern ließen sich auch als Machtdemonstrationen eines rigiden Systems oder Träume von einer lieblicheren Welt deuten. Martialische Trommler, unterstützt von Gong-Schlägern, eröffneten jeden Akt, dienten aber mehr dem großen Spektakel als dem Zusammenhalt der Oper.

Rangezoomt auf zwei Großleinwände in den Palast-Mauern, ließen sich die Sänger ins Gesicht schauen, gab der Regisseur Details preis und natürlich den deutschen Text. So hockte man zwar ein bisschen vor der Opern-Glotze, doch die Totale mit ihren faszinierenden Farb-Licht-Spielen, den fahrbaren Pagoden, den roten, grünen, blauen Laternen, den großflächigen Drachen-Dekors, exotischen Schrifttafeln und Fahnen, den bunten Sänften und den prachtvollen seidenbestickten Kostümen lockten den Blick immer wieder auch aufs pompöse Ganze.

So ergab sich trotz aller Vorbehalte letztlich doch eine Puccinis Operntorso (mit Duett und Finale von Franco Alfano) angemessene Mischung von Haupt- und Staatsaktion und intimen Momenten. Selbst die kaltherzige Turandot, die - dem Schwur einer geschändeten Ahnfrau folgend - ihren Freiern drei Rätsel aufgibt und die Versager reihenweise köpfen lässt, gewann via Leinwand individuelles Profil.

Irina Gordei lieh der Prinzessin ihren hochdramatischen Riesensopran, der trotz mieser Tontechnik nie scharf klang, und wandelte sich zur liebenden Frau. Als Rätsellöser Calaf, der ihre freiwillige Liebe errang, setzte Nicolai Martinucci rigoros auf Phonstärke, "sprengte" dabei fast die Lautsprecher und wurde dennoch nach "Nessun dorma" heftig bejubelt.

Eindrucksvoll gestaltete Alexander Anisimov den Timur, während Laurent Alvaro, Nicola Pamio und Gilles San Juan als Ping, Pang, Pong buffoneske Akzente setzten.

Janos Acs befehligte Chor und Orchester aus Salerno, die nur Beilage lieferten zu einem in rotgoldener Pracht gipfelnden Spektakel. Riesenbeifall. Wiederholung am 26. August 2006.

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