Die Macht der Meute

- Ein mit hohen Wänden umgebener Raum. In der Mitte liegt aufgebahrt Englands sterbender König, der erste Edward. Zu seinen Füßen brav die Söhne - Thronfolger Edward und Kent. Dann hört der Herzschlag auf. Unterdrücktes Weinen. Tief aus dem Innern aber steigt Lachen empor, das wie eine Eruption den Körper schüttelt, ihn befreit: Nun ist er der König, König Edward II.

<P>Plötzlich springen mit großem Gejohle mehr als 40 Männer von oben über die Bande hinunter in die Mitte der Szene. Männer in grauen Hosen, weißen Hemden, roten Krawatten. Die eigentlich Mächtigen des Landes: die Peers, die Landbarone, darunter Edwards Gegenspieler Lancaster und Mortimer. Darunter auch die als weiße Braut gekleidete Isabella, Edwards Frau und nun seine junge Königin. Doch schneller als sie ist schon ein anderer an Edwards Seite: Gaveston. Der Liebhaber und Günstling des neuen Königs hat seinen Auftritt, ebenfalls als Braut, mit Schleier und Tutu. Mit ihm will Edward Hochzeit halten. Ein Kuss besiegelt die Provokation. Da bricht ein Buh- und Pfeifkonzert der Männermeute aus. Gaveston wird sie noch fürchten müssen. Dennoch: Der Unverschämte geht dreist zum Königsleichnam, zerrt ihm Purpur und Krone von Leib und Haupt, krönt seinen Geliebten, der ihm dankbar dafür ungeniert in die Hose fasst.</P><P>Das ist kein schlechter Anfang für ein so krudes Stück, für Christopher Marlowes "Edward II." aus dem Jahr 1591. Als Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Theater Basel hatte die Tragödie, die einen Zeitraum von 20 Jahren umfasst, jetzt auf der Perner Insel in Hallein Premiere. Sebastian Nübling, Münchens "Don Karlos"-Regisseur, hat sie inszeniert. Und anders als seine Münchner Arbeit ist diese Salzburger Aufführung teilweise von fesselnder Qualität. Sie verzichtet auf Blutpanscherei und nackte Hintern, auf abgeschlagene Köpfe und andere Naturalismen von Sex und Gewalt. Für die Rohheit findet Nübling eine wirkungsvollere, eine formale Ästhetik. Seine Inszenierung hat Tempo, Rasanz, Witz und sportiven Drive. Sie überzeugt immer dann, wenn er die Titelfigur in ihrer objektiven Abhängigkeit zeigt: als einen sich ganz seinen Trieben Ausliefernden. Als einen kindisch Unreifen. Als einen, der sich seiner Pflicht, den Staat zu lenken, verweigert und bei seinem Rückzug ins Private immer wieder gegen eine Wand, die Wand der Peers, rennt.</P><P>Diese graue Macht ist ständig da: eine vom Regisseur chorisch und choreografisch überzeugend ins Bild gesetzte Masse Mensch. Ob sie gegen Gaveston hetzt oder beim tänzerisch-wunderwitzigen Versöhnungsbeischlaf des Königs und der Königin den Zeugungsakt kontrolliert. Ob diese Männer leise "God save the King" singen oder als Hingerichtete auf dem Schlachtfeld Bühne liegen, von dem sie sich langsam wieder erheben und zu Soldaten eines von Mortimer gedrillten Exerziercamps werden. Die Kraft der Masse übt einen starken Sog aus. Nübling überrascht mit diesen agilen Graumännern, die, als wär's nichts, kollektiv die Wände hoch- und runterspringen, das Publikum stets aufs Neue. Aber er überrumpelt damit auch das Drama, die radikale, offene und episch erzählte Story, die gewaltigen Zeit- und Ortssprünge sowie die handelnden Figuren.</P><P>Bei denen kommt es ihm auf Differenzierung nicht so sehr an. Er lässt sie vielfach nur brüllen, als wäre Lautstärke Ausdruck von Charakterisierungskunst. So verliert Nübling das Stück - und nicht nur, weil er es rigoros gekürzt hat - gegen Ende immer mehr aus den Augen. Statt dessen kommt lächerlich Belehrendes hinzu über die Normalität des Schwulseins; vorgetragen zwar von drei roten Pappnasen, die Nübling zunächst als eine Art Pausenclowns einbaut, dann aber den kleinsten von ihnen als nervenden Königsmörder besetzt. Das macht die Sache leider albern und verwässert den harten Kreislauf von Macht, Gewalt, Tod und Macht. Wenn die Hand des ermordeten Edward sich in den schwarzen Rocksaum der Königin krallt, sie nicht vom Toten loskommt und Mortimer beim Befreiungsversuch an der Königin kleben bleibt, ist das ein absurd-schönes Bild. Sein Inhalt jedoch geht verloren: dass es nämlich der neue Edward, des Königs und Isabellas Sohn, ist, der kalt Mutter und Mortimer beiseite räumt.</P><P>Dieses Darüber-hinweg-Inszenieren ist besonders im Fall von Bruno Cathomas, dem außerordentlichen Darsteller des Edward, bedauerlich. Dieser Schauspieler verfügt über die ganze spielerische Palette von böser Infantilität bis zu tragischer Größe. Gerade von letzterer hätte man gern mehr und Genaueres von ihm gesehen. Wohingegen Olivia Grigolli die Entwicklung der vernachlässigten Isabella zur handelnden Königin sehr gut gelingt. Mortimer, das männliche Gegenstück zum schwulen Edward, wird von Steven Scharf als machtgeiler Einpeitscher gespielt. Nach zwei Stunden Hallenspektakel fröhliches Buh und frenetisches Bravo.</P>Termine: 2., 4., 6.-8., 10., 12. und 13. August, 19. 30 Uhr.

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