Evita und Ché Guevara treffen sich im Musical – im wahren Leben begegneten sie sich nie. Foto: Dt. Theater

Macht und MItleid: Musical "Evita" kommt nach München

München - Es dürfte kaum jemanden geben, der das berühmte „Don't Cry For Me Argentina" nicht wenigstens mitsummen kann. Und genau wie dieser Schlager zählt auch Andrew Lloyd-Webbers Musical „Evita" längst zu den Klassikern des Genres.

Was bei der Uraufführung anno 1978 aber noch keineswegs sicher war. Denn obwohl der mittlerweile geadelte Sir Andrew damals mit „Jesus Christ Superstar“ bereits einen Welthit vorzuweisen hatte, war die Geschichte vom Aufstieg und Fall der ebenso verehrten wie umstrittenen argentinischen Präsidentengattin Eva Perón auf den ersten Blick alles andere als ein Stoff für die Musicalbühne. Doch allen Zweiflern zum Trotz traf „Evita“ den Nerv der Zeit, und gemeinsam mit Tim Rice schuf Lloyd-Webber eine Figur, an der bis heute kaum eine Sängerin vorbeigehen kann.

Das gilt ebenfalls für Abigail Jaye, die demnächst im Deutschen Theater diese Traumrolle verkörpern darf: „Ich versuche, in jeder Figur, die ich spiele, etwas von mir selbst zu finden. Aber ich genieße genauso die andere Seite von Evita. Diese Frau, die nach Macht strebt und rücksichtslos alles tut, was getan werden muss, um an ihr Ziel zu kommen. So bin ich nämlich privat überhaupt nicht… Außer vielleicht, wenn ich zu einer Audition gehe. Dann muss auch ich alles geben, um besser zu sein als die anderen.“ Trotzdem geht es ihr bei Evita nicht allein um die dunkle Seite. „Wenn man nur diesen Aspekt betont, lässt einen das Ende völlig kalt. Niemand würde Mitleid mit ihr haben. Deshalb haben wir versucht, Eva auch von ihrer verletzbaren, menschlichen Seite zu zeigen, damit sich das Publikum bis zu einem gewissen Punkt mit ihr identifizieren kann.“

Ein Anliegen, das Jayes Kollege Mark Heenehan teilt, der den Perón verkörpert: „Ich denke, man findet in jeder Rolle etwas von sich selbst. Auch, wenn man es vielleicht manchmal nicht gerne zugibt. Wir alle haben schließlich unsere dunkle Seite, oder? Nur dürfen wir sie als Schauspieler zumindest auf der Bühne ohne Konsequenzen ausleben.“ Dass sie beide historische Persönlichkeiten verkörpern macht die Sache für ihn dabei nur zum Teil einfacher. „Natürlich habe ich Bücher über Perón und seine Zeit gelesen, aber letzten Endes muss ich einen Weg finden, der für mich persönlich funktioniert. Selbst, wenn es historisch vielleicht nicht immer hundertprozentig korrekt ist.“

Aber das ist das Stück von vorneherein nicht. Denn im wahren Leben sind sich Evita und Ché Guevara nie über den Weg gelaufen. Ihn bauen die Autoren zur zweiten Hauptfigur auf. Eine Rolle, die Mark Powell bereits mehrfach verkörpert hat: „Es ist ein wenig komisch. Ich habe kaum Szenen mit meinen Kollegen. Ich bleibe als Erzähler immer außerhalb des Geschehens. Doch dafür liebe ich die Interaktion mit dem Publikum. Jeder kennt Ché und weiß wofür er steht. Auch wenn man seine Ansichten nicht teilen muss. Aber er gibt dem Zuschauer einen Punkt an dem er sich festhalten kann.“

Und Ché ist hier nicht der einzige Anker fürs Publikum. Orientierten sich die Tourneen, die bislang in München zu sehen waren, meist an der düster stilisierten Originalproduktion, geht Regisseur Bob Thomson bei seiner Neuauflage oft naturalistischere Wege und offeriert jede Menge argentinisches Lokalkolorit und feurige Tango-Szenen. Doch auch das muss ein Klassiker eben mitbringen: Genügend Substanz, um neue Sichtweisen möglich zu machen. Und das haben „Evita“ und ihre Hauptfigur ohne Zweifel.

Tobias Hell

Vom 23. November

bis 12.12., 089 / 55 23 44 44.

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