Die Macht der Musen

- "Auf der Bühne - da fühl' ich mich wohl, da geht's los, das ist was Besonderes. Bühne ist Gottesdienst. Ich glaube schon an die Macht der Musen: Die geben einem was; aber sie nehmen auch wieder, wenn man sich nicht daran hält, was sie einem auferlegt haben." Wolfgang Brendel (58) ist der alte, nach wie vor immer noch jungenhafte Heißsporn.

Er ist der Sänger, der - an der Bayerischen Staatsoper von Günther Rennert und Wolfgang Sawallisch groß geworden - lange Zeit stets der jüngste unter den Weltklasse-Baritonen war: von Papageno bis Hans Sachs, von Barbier bis Mandryka, von Germont bis Don Carlo di Vargas.

In der Beliebtheitsskala des hiesigen Publikums rangiert er ganz oben. Warum? Weil das Publikum spürt, dass er authentisch ist, seine Meinung vertritt, dass er einer ist, der sich auf der Bühne nicht den Schneid abkaufen lässt - nicht von Regisseuren, nicht von Intendanten, nicht von Dirigenten. "Das hat mich viel Geld gekostet", lacht er. "Aber wenn ich nicht immer sagen würde, was ich denke, würde ich daran ersticken. Wenn ich in Berlin Christian Thielemann sagte, dass ich nicht, wie er es wünschte, als Hans Sachs ,teutsch’ singe, sondern ,deutsch’, dann war ich eben in der nächsten ,Meistersinger’-Serie nicht mehr besetzt."

Ob Spontaneität oder Charakterstärke - es imponiert das sängerische Selbstbewusstsein. Brendel: "Das mag ja gut sein. Aber ich stehe ziemlich alleine damit da. Wenn einer Unsinn behauptet, nehme ich mir nach wie vor das Recht zu sagen, dass es Unsinn ist. Aber Sie glauben ja gar nicht, wie lammfromm ich bin, wenn ein Dirigent oder ein Regisseur den Darsteller gut führt. Bei Rennert wurde ich als junger Sänger zum Widerspruch erzogen. Und ich Parsifal habe damals gedacht, so wie er sind alle großen Geistespersönlichkeiten."

Nun steigt Wolfgang Brendel morgen an der Bayerischen Staatsoper mit einem Rollendebüt in eine Inszenierung ein, deren Ideen vielleicht nicht jedermann einleuchten: als Kurwenal in Peter Konwitschnys "Tristan und Isolde". Hätte es Widerworte zur Regie gegeben? Brendel: "Das glaube ich nicht. Denn wenn dieser Regisseur etwas kann, dann ist es Personenführung. Ich persönlich muss es ja nicht schön finden, darauf kommt's gar nicht an. Die Frage ist doch immer nur: Kann ich das transportieren, was der Kurwenal empfindet? Und: Ist es logisch?"

Kurwenal ist für Brendel ein relativ spätes Rollendebüt. Er wisse auch nicht, warum, aber "es waren immer gleich die großen Partien". Trotzdem freut er sich darauf, in dieser Oper mit dabei zu sein. Sein Glücksfall: Dirigent Zubin Mehta. "Mit Maestro Mehta habe ich bisher noch nicht so viel gemacht; aber jetzt beim Kurwenal - da passiert etwas zwischen uns." Wie für Wolfgang Brendel überhaupt der Mann am Pult die wichtigste Person im Theater ist: "Der Dirigent ist das Gehirn des Abends, bei ihm laufen alle Fäden zusammen.

Der Satz, der besagt, dass der singende Darsteller der Mittelpunkt einer Aufführung ist, ist ja sicher richtig. Aber zum Beispiel ,Tristan’, dieses am stärksten philosophisch und psychologisch befrachtete Werk der Opernliteratur: Da transportiert das Orchester mehr von dem, was da abläuft, als jeder Sänger. Da kann's keine Demokratie geben. Der Dirigent ist der Spiritus Rector des Abends."

"Du musst immer so singen, als wäre es deine letzte Vorstellung."

Wolfgang Brendel

Trotzdem, ohne Sänger läuft nichts. Wie also erfolgte die Vorbereitung für den Kurwenal? Zur musikalischen Einstudierung ging Brendel zu den Alterfahrenen des Metiers, zu Klaus von Wildemann und zu Richard Trimborn, dem früheren Studienleiter der Staatsoper, der heute Sänger zwischen New York und Tokio coacht.

Bei all diesem Tun, so Brendel, sei er "ein bisschen scharf geworden" auf eine andere Wagner-Partie - den Wotan: "Ich hab' gar kein Angebot dafür, aber ich werde ihn lernen, für mich. Ob ich das kann, weiß ich nicht. Aber die geistige Auseinandersetzung mit diesem gewaltigsten aller Werke hat begonnen."

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