Von der Macht verführt

Innsbruck - ROMA bilden die Buchstaben auf dem Dach, gleich neben dem Sendemast mit den Satellitenschüsseln. Ein Fahrstuhl führt zu dieser Plattform, wo Blutflecken auf einer Metallwand davon künden: Morde sind hier, in luftiger Höhe, keine Seltenheit. Ein zwielichtiges Etablissement also? Hauptquartier einer mafiosen Clique?

Premiere: Brigitte Fassbaender inszenierte für

ihr Tiroler Landestheater Innsbruck Puccinis "Tosca"

Oder einfach nur eine Firma, bei der überall Überwachungskameras installiert sind, deren Aufnahmen auf Bildschirmen in Scarpias Büro abrufbar sind? Wer dieser Bösewicht genau ist, wird nicht definiert. Aber ob Mafia oder Politik ­ nicht nur am Tiber sind ja die Grenzen da ausgesprochen fließend.

Eine genaue Orts- und Zeitbestimmung war auch gar nicht das Anliegen von Brigitte Fassbaender in ihrer Innsbrucker Puccini-Inszenierung. Wenn sich die legendäre Sängerin und Intendantin des Tiroler Landestheaters ans Regie-Pult setzt, ist Aufmerksamkeit automatisch garantiert ­ und in diesem Fall auch gerechtfertigt. Ihre "Tosca" spielt in einem allgemeingültigen Heute, was die gelungene Ausstattung von Erwin Bode, vor allem aber Gesten und Charakterformungen unterstreichen: Puccini ohne Pathos-Druck, eine Tragödie, die sich unaufgesetzt, ganz selbstverständlich und daher glaubhaft entrollt.

Zwei Sitzgruppen und ein Schreibtisch markieren Scarpias schmucklose Machtzentrale, in der Bilder von Cavaradossis Elektro-Folterung zu sehen sind. Die Kirche des ersten Akts könnte aus den 50er-Jahren stammen. Die Titelheldin stöckelt hier im Businesskostüm und mit Klavierauszug unterm Arm herein. Eine Frau, die sich, so wie es die fulminante Ludmila Slepneva mit dunkel lodernder, im "Vissi d'arte" nach innen gerichteter Emphase gestaltet, durchaus nach mehr sehnen könnte als nach dem burschikosen Macho Cavaradossi. Hector Sandoval singt ihn mit schönem Timbre, geschmeidiger Legato-Kultur und beherzten Spitzentönen. Dem Sonnyboy vergeht das Imponiergehabe samt höhnischem Lachen erst im Finale, als er Böses ahnt, wenn sich drei Pistolen auf seinen Nacken richten.

Nicht alles freilich gelingt Fassbaender. Dass sich vor diesem Scarpia alle Welt gruseln soll, bleibt oft nur Behauptung ­ was auch am soliden, eine Spur zu braven Michael Dries liegen mag. Dafür schwingt anderes mit, etwa die Absurdität, ja Lächerlichkeit von Terror (verkörpert durch Scarpias Schergentrio à la Blues Brothers), auch die Verführbarkeit durch Macht: In einem verräterischen Moment lehnt sich die weinende Tosca an die Brust des Fieslings. Die drei Pistolenschüsse, mit denen sie ihn später niederstreckt, dienen daher wohl auch der innerlichen Befreiung von Scarpia.

Was diese wohltuend unangestrengte Inszenierung ausmacht, sind gerade solche intimen Momente, auch kleine, wie nebenbei erzählte Geschichten, am stärksten im fast choreographisch "durchkomponierten" Finalakt.

Dietfried Bernet lässt dazu das Tiroler Symphonieorchester nicht grell auftrumpfen, dirigiert dennoch einen profilierten Puccini im warmen, oft edlen Klangkleid. Und dass selbst die Nebenrollen, etwa Marc Kugels Angelotti, mit exzellenten Sängern aufwarten (die Hauptrollen sind bis zu dreifach besetzt), hebt das Innsbrucker Haus ohnehin über andere hinaus. Münchens Operngänger, deren "Tosca" jüngst eingemottet wurde, müssen sich also nicht in Puccini-Enthaltsamkeit üben.

Nächste Vorstellungen:

9., 14., 20., 23.2.; Tel. 0043/ 512/ 520 74-4. Die Besetzung

Dirigent: Dietfried Bernet. Regie: Brigitte Fassbaender. Ausstattung: Erwin Bode. Chöre: Nikolaus Netzer. Darsteller: Ludmila Slepneva (Tosca), Hector Sandoval (Cavaradossi), Michael Dries (Scarpia), Marc Kugel (Angelotti) und andere.

Die Handlung

Weil er einem politischen Häftling geholfen hat, wurde der Maler Cavaradossi vom römischen Polizeichef Scarpia gefangen und gefoltert, damit er dessen Versteck verrät. Scarpia schlägt der Sängerin Tosca, Cavaradossis Geliebter, einen brutalen Handel vor: Wenn sie sich ihm hingibt, wird der Maler nur zum Schein erschossen. Tosca willigt ein ­ und ermordet Scarpia. Cavaradossis Hinrichtung bleibt kein Schauspiel. Auf der Flucht vor Verfolgern springt Tosca von der Engelsburg.

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