Macht der Willkür

- Die drei Anwälte entspannen sich kurz bei einer Tasse Kaffee. Der Mordfall, an dem sie sitzen, ist schwer - und vielleicht wird es zum Schluss überhaupt keine Erklärung geben für die qualvolle Tötung eines Siebzehnjährigen durch ein paar Jungen aus seinem Dorf.

Der authentische Fall, den das Dokumentarstück "Der Kick" von Andres Veiel ("Black Box BRD") und Gesine Schmidt nun auch in der Münchner Schauburg aufrollt, hat sich im Juli 2002 ereignet, in Potzlow in der Uckermark. Er ist das grausame Indiz für die Macht der willkürlichen Aggression.

Textcollage aus Ängsten, Zwängen, Hilflosigkeiten

Marinus Schöberl stotterte, und er trug keine Springerstiefel, sondern Hip-Hop-Klamotten - das war seinem Freund Marcel, dessen älterem Bruder Marco und dem siebzehnjährigen Sebastian Provokation genug.

40 mal fuhren die beiden Autoren für Recherchen nach Potzlow. In ihrem Stück kommen die Täter, die Freunde, die Verwandten, die Kirche, die Staatsanwaltschaft zu Wort, und es entsteht eine Textcollage, welche von Ängsten, Zwängen, Schuldzuweisungen und Hilflosigkeiten handelt, mit ihnen verhandelt.

Wie nur bringt man ein solches Drama auf die Bühne eines Theaters der Jugend? Mit Nüchternheit, entscheidet Regisseur George Podt. Seine provisorische Bühne markiert das Zimmer dreier grauer Anwälte. Sie lösen Zettel mit Zeugenaussagen von den Wänden und aus Aktenordnern, verlesen sie. Von Band mischt sich Marcels Verhör mit ein - und ist der einzige "O-Ton", der in seinen reifen Formulierungen unglaubwürdig erscheint.

Der Fall wirkt für sich selbst, die Schilderungen sind stark, und die Form des dokumentarischen Theaters scheint - wenn auch besonders für die jugendlichen Zuschauer in ihrer Dogmatik nicht unanstrengend - die einzig mögliche zu sein. Hier aber wünschte man sich eine entschiedenere inszenatorische Leistung.

Die vorsichtige theatralische Wandlung, die Berit Menze, Thorsten Krohn und Peter Wolter in ihren kurzen Lesungen durchmachen, verleiht dem schweren Demonstrationstheater etwas Unbeholfenes. Und spielen sie wieder die Anwälte, so bedarf das Ungeheuerliche, welches sich im Anschluss an Marinus' Tod fortsetzte - die Vermisstenanzeige erschien erst zwei Monate danach und erst nach weiteren vier Monaten wurde die Leiche gefunden - wohl kaum ihrer Bestürzung, um das Publikum zu berühren.

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