Erst hat der Waidmann Glück, dann wird er selbst erlegt: Ursula Maria Burkhart als Julius Cäsar. foto: Arno declair

Machtfrau und Mutter der Kompanie

München - Wie viel Rom steckt im Heute? Csaba Polgár inszenierte Shakespeares „Julius Cäsar“ am Münchner Volkstheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Zeit. Was unterscheidet einen mächtigen Menschen von anderen? Er hat Zeit – und sei es, um sich die Schuhe an einer Maschine zu polieren. Genussvoll und doch nebenbei demonstriert Ursula Maria Burkhart die Macht ihres Cäsars, hält immer wieder die Pumps an die rasch rotierenden Bürsten, derweil Roms Aristokraten – auch sie keine unbedeutenden Männer – in einer Reihe stehen, schauen, schweigen. Nur der wahre Herrscher hat die Macht, Zeit einzuteilen.

Diese so simple wie kluge Szene steht am Beginn von Shakespeares „Julius Cäsar“ (uraufgeführt 1599), inszeniert von Csaba Polgár am Münchner Volkstheater. Der Regisseur, 1982 in Ungarn geboren, war vergangenes Jahr hier mit seiner Interpretation von Shakespeares „Coriolanus“ beim Festival „Radikal jung“ zu Gast. Nun hat er erstmals außerhalb seiner Heimat inszeniert und die Spielzeiteröffnung des Hauses an der Brienner Straße gestaltet (das sein Publikum mit neuer, bequemer Bestuhlung empfing).

Die Plebejer als Quartett der Zugewanderten

Polgár stellt in seinem eindreiviertel Stunden langen Abend (ohne Pause) die Frage, wie viel Römisches Reich in unserer Gegenwart steckt – und hat dazu Cäsars Rom in einen Repräsentationsraum verlegt, der aus der Zeit gefallen scheint und doch im Heute verwurzelt ist (Ausstattung: Lili Izsák). An den hohen, holzvertäfelten Wänden hängen Jagdtrophäen: Vor allem Geweihe, aber auch Rebhuhn, Iltis und Wolf künden vom Glück des Waidmanns Cäsar, der später freilich selbst von den Verschwörern erlegt werden wird.

Doch zunächst könnte Cäsar gekrönt werden und die römische Oberschicht debattiert, wie damit umzugehen sei, derweil vier Plebejer die Halle sauber zu halten haben. Sie sprechen Ungarisch oder mit Akzent, sind immer da und werden von den anderen doch nur wahrgenommen, wenn sie etwas erledigen sollen oder im Weg stehen. Drei dieser Putzleute „vom Randgebiet“, Katalin Szilágyi, Richárd Barabás und Tamás Herczeg, hat der Regisseur von seiner ungarischen Theatertruppe „HOPPart Company“ mitgebracht. Ergänzt um die junge Münchner Sopranistin Caroline Adler gibt dieses Quartett der Zugewanderten der Inszenierung musikalisch Struktur – und verweist allein durch Anwesenheit in die Gegenwart. Für nichts anderes interessiert sich Polgár. Machtstrukturen will er offenlegen, die Versprechen der Demokratie hinterfragen. Gergely Bánki und Ildikó Gáspár haben ihm Shakespeares Tragödie dafür zurechtgestrichen.

Ursula Maria Burkhart in der Titelrolle stößt zudem die Tür zu einem weiteren Assoziationsraum auf: 1961 geboren, ist sie älter als ihre (fürs Volkstheater typisch) recht jungen Bühnen-Kollegen. Als Cäsar pendelt Burkhart daher lustvoll zwischen kalt lächelnder Machtfrau und Mutti der Kompanie. Zugleich stellt ein weiblicher Cäsar immer auch die Geschlechter-Frage. Überhaupt ist diese Inszenierung getragen von den Schauspielerinnen, die bei der Premiere am Samstag deutlich besser mit dem Text zurechtkamen als die Männer. Mara Widmann verpasst Cassius nicht nur das Talent zur machtpolitischen Intrige, sondern auch viel Verführungskunst. Portia wird bei Barbara Romaner zur überspannten Frau mit untrüglichem Instinkt: Sie weiß ihren Brutus so zu nehmen, dass dieser blass bleibt.

Bei Jean-Luc Bubert ist nichts zu spüren von den Qualen dieses Mannes, der vor der Frage steht, einen politischen Mord zu begehen, um die Republik zu retten. Seine stärkste Szene hat Bubert, als sich Brutus nach der Tat ans Volk wendet. Sein Wahlspruch „Demokratie ist Friede! Demokratie ist Freiheit!“ scheint Realität zu werden. Doch angeleitet von den Putzleuten singt das Ensemble ein Medley der Michael-Jackson-Nummern „We Are The World“ und „Heal The World“. Kitschiger können Heilsversprechen kaum entlarvt werden. Zugleich verrät diese Szene natürlich viel über enttäuschte Hoffnungen in der postsozialistischen Heimat des Regisseurs.

Die Schlacht bei Philippi, bei der Brutus und Cassius den Triumvirn Marc Anton, Octavius, Lepidus unterliegen, interessiert Polgár kaum. Zielstrebig steuert er seine Inszenierung auf ihr starkes Schlussbild zu: Die Putzleute erschlagen Marc Anton und Octavius, die künftigen Herrscher, und werden ihre eigenen Herren. Wo wenn nicht im Theater darf man noch träumen? Doch Freiheit (über-)fordert: „Gehen wir nicht nach Hause?“, fragt eine. „Was würden wir zuhause machen, kannst Du mir das sagen?“, antwortet ratlos ein anderer. Für diese Menschen wurde die Zukunft abgesagt.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 3., 14., 15., 28. und 29. Oktober; Telefon 089/ 523 46 55.

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