Machtkampf in Bayreuth - Familienstreit um den Grünen Hügel

Bayreuth/Berlin - "Hinter Wahnfrieds Mauern", wie eines der zahlreichen Bücher über die Familie Wagner in Bayreuth heißt, spielen sich am Grünen Hügel Machtkämpfe ab, wie sie einem Denver-Clan manchmal ebenbürtig erscheinen. Einen Eindruck, den der Machtkampf um die Nachfolge des Patriarchen Wolfgang Wagner vermutlich bei vielen hinterläßt.

Der Enkel des Komponisten Richard Wagner leitete die 1876 von seinem Großvater gegründeten Festspiele seit 1951 - mehr als ein halbes Jahrhundert.

Dabei gab es in der "Wagner-Dynastie" wie in anderen Familien auch Dramen, wie sie das Leben schreibt und nicht nur die Opernbühne, einschließlich "böser Stiefmutter" und Versöhnung über Gräbern. "Mobbing und Intrigen - der Wagner-Clan spielt wieder Krieg" hieß es auch in den Jahren 2000/2001, als der erste Anlauf scheiterte, Wolfgang Wagner zum Rückzug zu bewegen.

Das ist auch heute wieder einerseits ein "gefundenes Fressen" für die Klatschspalten vieler Zeitungen, andererseits natürlich auch Anlass für kultur- und musikhistorisch tiefergehende Betrachtungen in den Feuilletons. Dabei ist Bayreuth auch rechtlich gesehen schon längst keine reine Familienangelegenheit mehr, sondern eine von der öffentlichen Hand getragene Stiftung. Aber ein öffentlich ausgetragener Familienstreit auf "so hohem Niveau" ist allemal für viele interessant, erinnert er doch auch an das Bonmot von Karl Kraus, das Wort Familienbande habe "einen Beigeschmack von Wahrheit". Und das alles vor dem Hintergrund des Hauptwerkes des Familienpaten, "Der Ring des Nibelungen" mit seinem "inzestuösen Wirrwar", wie manche meinen. Es hält sich auch das böse Bonmot von Anti- Wagnerianern: "Die einzigen, die Richard Wagner gefördert haben, das waren zwei Irre: König Ludwig und Adolf Hitler."

Die "Familienbande" hat bei den Wagners eine besondere Tradition, wie es besonders eindrucksvoll in dem in diesem Jahr erschienenen Band "Der Wagner Clan" (Hoffmann und Campe) nachzulesen ist. Der britische Autor und Bayreuth-Kenner Jonathan Carr ist darüber gestorben. Bei ihm heißt es sogar, Wolfgangs Sohn Gottfried, der die NS-Nähe des Hauses Wahnfried anprangerte, habe eine Zeitlang daran gedacht, seinen Namen zu ändern und amerikanischer Staatsbürger zu werden, "weil er sich schämte, ein Deutscher und obendrein ein Wagner zu sein". Seinen 1997 erschienenen autobiografischen Aufzeichnungen gab er denn auch den vielsagenden Titel "Wer nicht mit dem Wolf heult". Im Vorwort schreibt Ralph Giordano: "Die Tragödie Bayreuth geht weiter wie das Drama der Familie, eingeschlossen die Erb- und Nachfolge - von der Gottfried Wagner unberührt bleiben wird."

Dem Familienvater und Festspielchef Wolfgang Wagner, der an diesem Samstag 89 Jahre alt wird, muss es am Ende seiner Amtszeit bitter vorkommen, dass ausgerechnet seine Nichte und Wieland-Wagner-Tochter Nike Wagner (63), von manchen auch als "Blaustrumpf der Familie" angesehen, seine Pläne durchkreuzen will. Wolfgang Wagner wollte seine Lieblingstochter Katharina (30) aus zweiter Ehe auf den Festspielthron heben. Mehr als vier Jahrzehnte hat er hartnäckig darum gekämpft, sich aus dem Schatten seines 1966 früh gestorbenen, künstlerisch erfolgreicheren Bruders Wieland Wagner zu lösen. Dabei meinte Wagner-Autor Carr jetzt, wer das Zeug für die Führung eines solchen Betriebes wie Bayreuth besessen habe, sei Wolfgang "und nicht sein brillanter, aber launischer, introvertierter und unpraktischer Bruder".

Jetzt hat aber ausgerechnet Wielands Tochter Nike gemeinsam mit Gérard Mortier noch im letzten Moment den Fuß in die Tür für eine neue Ära am Grünen Hügel gesetzt. "W.W." hatte jahrelang versucht, sich beide "familiären Widersacher", Nike und Eva, seine Tochter aus erster Ehe, vom Hals zu halten. Aber wie das Leben so spielt, muss man am Ende oft noch Kompromisse machen. Dabei hatte er doch vor einem halben Jahrhundert zusammen mit seinem Bruder Wieland noch gehofft, "die Weiber draußen zu lassen".

Auch mit seiner Tochter Eva musste er jahrelang die Klingen kreuzen, als er sich 1976 nach 33 Ehejahren von seiner Frau Ellen trennte und seine Assistentin Gudrun Mack heiratete. Nach deren Tod im vergangen November wurden die Hände der Versöhnung ausgestreckt, was Evas Bewerbungschancen wieder erhöhte. Jetzt allerdings bildete sie eine Allianz mit ihrer Halbschwester Katharina, nachdem sie sich vorher ursprünglich mit ihrer Cousine Nike beworben hatte - eine der üblichen Bayreuther "Springprozessionen", wie es scheint. Dabei hätten, wie Carr meint, Eva und Nike ("Cosima Wagner wie aus dem Gesicht geschnitten", sagen manche Bayreuth-Verehrer), durchaus Bayreuths "Traumteam" werden können, ein "wahrlich einschüchterndes" zudem. "Wenn sich die zwei zusammentun, hat keiner von uns Männern eine Chance", habe ein "Familienrivale" mal geseufzt.

Welches Team auch immer am Montag zum Zuge kommt - es braucht vor allem auch "gute Nerven und Humor", wie Wolfgang Wagner in seiner 1994 erschienenen "Lebensakte" schrieb. Für sich selbst resümierte er: "Sollte ich denn im Zorn, und sei er noch so gerechtfertigt, zurückblicken? Das meiste, was sich ereignete, auch das, was die Familie der Wagners im Verhältnis zu mir betrifft, ist verjährt, oder ich lasse es hierdurch verjähren."

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