Vom machtvollen Blick geschockt

- Philip Taylors BallettTheater München (BTM) bringt an diesem Sonntag im Gärtnerplatztheater "Modern Dance III" zur Premiere. Jennifer Hanna, zum zweiten Mal beim BTM, hat "Adama" kreiert, die Wahl-Münchner Cobos & Mika "One hit Wonder". Und zurück zu den Wurzeln geht es mit Robert Cohans "Stabat Mater" (Vivaldi) von 1975. In der London School of Contemporary Dance des ehemaligen profilierten Martha-Graham-Solisten hat der junge Taylor studiert und in dessen London Contemporary Dance Theatre (LCDT) auch zunächst getanzt.

<P>Aus Ihrem umfangreichen OEuvre ausgerechnet das reine Frauen-Stück "Stabat Mater" . . .<BR>Cohan: Ja, Philip wollte das (wohl als Kontrast zu Hannas Männer-Stück "Adama", die Red.). Es gibt da übrigens eine kleine Geschichte: Ich hatte in den 70ern meist elektronische Musiken verwendet. Eines Tages legte mir mein musikalischer Direktor eine Vivaldi-Platte auf den Tisch: "Hier, probiere mal zur Abwechslung richtige Musik." Man denkt immer, wenn man nur so durchhört, dass Vivaldi leicht ist. Stimmt überhaupt nicht: Die gegenläufigen Rhythmen, die Verzögerungen, unvollständige Takte - für Tanz ist das sehr schwierig, wenn man präzise in der Musik sein will.</P><P>Das Mariengedicht als Inhalt?<BR>Cohan: "Maria steht am Fuße des Kreuzes" - so habe ich das buchstäblich gesehen. Es gibt neun Frauen, eine davon ist Maria. Aber auch die anderen sind Teile von ihrem inneren Erleben. Ein abstraktes Stück, aber es ist gefühlsgeladen, dramatisch, im Körperlichen wie im Gedanklichen.</P><P>Was nichts anderes ist, als Grahams ganzheitliche Tanztechnik, die Sie so faszinierte.<BR>Cohan: Total. Meine Mutter hatte mich schon ganz früh in eine Tanz-Schule gebracht, wo zwei Damen in langen braunen Kleidern uns Stöpseln so etwas beibrachten, was wahrscheinlich auf den Pionieren Ruth St. Denis und Ted Shawn basierte. Danach Fechten, Laufen, Tap-Dance, Cheerleading und natürlich jeden Abend zum Tanzen, Rock 'n' Roll und all diese verrückten akrobatischen Ballroom-Tänze der 30/ 40er. Und dann die künstlerische Offenbarung. Gleich in der ersten Stunde in Grahams Studio wusste ich: Diese expressive Art, den gesamten Körper einzusetzen, das würde ich bis an mein Lebensende machen wollen.</P><P>Mit Ausflügen zum Broadway und Film, als eigener Company-Chef waren Sie von 1946 bis 1969 bei Graham, die letzten beiden Jahre schon Leiter des LCDT.<BR>Cohan: Ja, im April 1946 wurde ich bei ihr Student, nach zwei Monaten Company-Mitglied. Das jüngste. Das erste Mal, dass Martha mit mir persönlich arbeitete, war 1948 für "Diversion of Angels". Später, als Erick Hawkins die Company verließ, wurde ich auch ihr Partner. Martha, damals ja schon 60, war immer noch eine ausgezeichnete Tänzerin, sogar technisch noch stark. Aber auch mit 70 konnte sie tänzerisch überwältigend sein. Sie gehörte zu diesen außergewöhnlichen Wesen, die auf der Bühne Überlebensgröße bekommen. Die Leute, die sie nach der Vorstellung sahen, meinten immer erstaunt: "Aber sie ist so klein!" Wenn Martha tanzte, war sie bühnenfüllend. Für mich als junger Tänzer war das eine so wundervolle Erfahrung: zu lernen, damit umzugehen, allmählich sich die Sicherheit des ebenbürtigen Partners zu erarbeiten.</P><P>Nie eingeschüchtert?<BR>Cohan: In den ersten Jahren schon. Martha hat einen auf der Bühne nie angesehen - nur wenn sie einem voll vertraute. Also die ersten zwei Jahre passierte das nie, selbst wenn ich sie ansah. Und dann in einer Vorstellung, ich erinnere es noch haargenau, wendete sie sich zu mir - und schaute mich direkt an. Ein Schock, dieser ungeheuer intensive, machtvolle Blick. Ich begann regelrecht zu zittern. Musste mich furchtbar zusammenreißen, um die Person zu sein, an die sie sich mit ihrem Blick gewandt hatte. Von da ab wuchs ich in meine Partnerposition hinein.</P><P>Als Sie auf Initiative des britischen Graham-Bewunderers Robin Howard 1967 das LCDT aufbauten, sollte sich im Graham-Stil etwas verändern.<BR>Cohan: Als Repertoire-Company mussten wir ja vielen verschiedenen Choreographen "dienen". Also musste dieser Stil abstrakter werden, eben das abstoßen, was das ganz Graham-Persönliche war. Ich begann, Dinge zu ändern, um dem Körper meiner Tänzer und dem meinen mehr zu entsprechen. Und da ich ein lyrischer Tänzer war, wurde der Duktus wohl auch weicher, lyrischer. Aber die Graham-Basis blieb erhalten.</P><P>Das Gespräch führte Malve Gradinger</P>

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