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Was findet sie nur an ihm? Sonja Beißwenger zeigt als Polly viele Facetten, ist wild, derb, abgründig, verspielt und verschlagen. All das fehlt Michael Rotschopfs Macheath.

Bearbeitung von Martin Lowe

"Mackie Messer" bei den Salzburger Festspielen: Die Kritik

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Salzburg - „Mackie Messer“ wurde bei den Salzburger Festspielen in der musikalischen Bearbeitung von Martin Lowe aufgeführt. Hier lesen Sie die Kritik.

Selten war Polly der Wahrheit so nah: „Aber das ist doch ein Pferdestall“, sagt sie, als man sie an jenen Ort gebracht hat, an dem sie heiraten wird. Auch ihrem Vater Jonathan Jeremiah Peachum kann man später an diesem Abend kaum widersprechen: „Das ist nicht so harmlos wie hier“, droht der Bettlerkönig, als er dem Polizeichef von London ankündigt, mit den „Ärmsten der Armen“ den Krönungszug der Königin zu stören.

Ja, harmlos ist sie, diese letzte große Produktion der Salzburger Festspiele in diesem Jahr. Bedauerlich harmlos. In der Felsenreitschule haben Julian Crouch und Sven-Eric Bechtolf die „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht inszeniert. Da sie den Briten Martin Lowe beauftragt haben, Kurt Weills Musik „in die Klangwelt der Zehnerjahre unseres Jahrhunderts zu transportieren“, nannten sie die Produktion „Mackie Messer – Eine Salzburger Dreigroschenoper“. In erster Linie haben Crouch und Bechtolf aber aus dem Hai- einen Goldfisch gemacht: hübsch anzuschauen, auf Dauer jedoch fad.

Dabei beginnt der drei Stunden lange Abend (eine Pause), der am Dienstag Premiere hatte, vielversprechend: Während Spelunkenjenny die „Moritat von Mackie Messer“ singt, werden dessen Verbrechen als Schattenspiele auf Leinwände projiziert, die in den Arkaden der Felsenreitschule gespannt sind. Die Figuren auf der Bühne werden später selten so lebendig sein wie diese Scherenschnitte, die Inszenierung nie so lebensprall wie jene Szenen. Denn das Regie-Duo liefert biedere Bebilderung. So wird aus dem kreischenden Stück über bürgerliche Verbrecher und verbrecherische Bürger, über korrupte Polizisten und Huren mit Herz, Hirn und Handelsgeschick eine kreuzbrave Veranstaltung.

"Mackie Messer" bei den Salzburger Festspielen: Puppenstubenästhetik

Wie schon bei seiner „Jedermann“-Inszenierung hat sich Julian Crouch mit Hingabe den Kulissen gewidmet: Möbel, ein Cembalo, ja ganze Häuser sind als Aufsteller für die 40-Meter-Breitwand-Bühne entstanden. Doch zum einen verharmlost die Puppenstubenästhetik das Geschehen. Zum anderen scheint es – und auch hier drängt sich die Parallele zum „Jedermann“ auf –, als habe Crouch überm Puzzeln an der Ausstattung das Spiel seiner Darsteller vergessen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Bechtolf, der Interimsleiter der Festspiele, als Co-Regisseur einsprang.

Brecht wollte mit der „Dreigroschenoper“ zeigen, dass Verbrecher mit bürgerlichem Gehabe erfolgreich sind. Doch die Schlussfolgerung, dass bürgerliches Verhalten verbrecherisch ist, zog schon nach der Berliner Uraufführung 1928 kaum einer – weil das Publikum vor allem Spaß hatte an Weills Songs, die rasch zu Schlagern avancierten. Crouch und Bechtolf haben nun gar nicht erst den Anspruch, tiefer im Text zu schürfen.

Dennoch gibt es Momente, die gelingen: Da singt Macheath die „Ballade vom angenehmen Leben“, während Arbeiter ein Ballett mit Leitern aufführen, die wie nebenbei zur Gefängniszelle zusammengestellt werden. Ein schönes, dynamisches Bild. Anderes wiederum, etwa der Bau überlebensgroßer Puppen, bleibt Aktionismus ohne Verankerung. So zerfällt der Abend, ihm fehlt das Zwingende.

Das gilt auch für die Musik. Warum Musical-Komponist Martin Lowe den Auftrag zur Bearbeitung erhielt, wird in keinem Moment klar. Wo Weill virtuos und frech mit den Stilen jongliert, wo seine Melodien stets einen Tick daneben zu liegen scheinen (und sich gerade deshalb in den Gehörgängen festkrallen), sind Lowes Nummern vor allem – gefällig. Filmmusik, die illustriert, ohne selbst zu erzählen. Bei der Premiere gab es zudem Probleme mit der Mischung, trotz Mikroports gingen die Stimmen oft im Klang unter.

Manche Bearbeitung mag noch passend sein: Die „Moritat“ zu Beginn etwa, die mit jedem neuen Schattenspiel, das in der Kulisse aufscheint, eine weitere, treibende Tonspur bekommt. Oder das Lied der „Seeräuber-Jenny“, bei dem Lowe die aggressiven Elemente herausstreicht. Diese Nummer lebt jedoch auch ganz entschieden von Sonja Beißwengers energisch-derbem Vortrag: Sie ist die Einzige im Ensemble, der es gelingt, facettenreich Akzente zu setzen. Polly ist Göre und Girlie, Rehkitz und Rock’n’Roll.

Martin Lowes Musik dagegen gleicht an, verharmlost, schlimmer noch: kastriert. Der „Zuhälterballade“, einem Tango (!), hat er mit seinen Süßstoff-Streichern die Leidenschaft und die Verzweiflung ausgetrieben, das Spiel mit der Gefahr und das Elend des Verrats – kurz: alles, was das Verhältnis zwischen Macheath und Jenny ausmacht. Da überrascht es, dass die Kurt Weill Foundation in New York, nach Zögern, dem Salzburger Experiment zugestimmt hat. Auf Erben ist eben auch kein Verlass mehr.

Jubel fürs Ensemble, kräftige Buhs und ebensolcher Applaus für Lowe und das Regie-Duo.

Die Besetzung

Regie: Julian Crouch (auch Bühne), Sven-Eric Bechtolf. Musikalische Gesamtleitung/ Orchestrierung: Martin Lowe. Dirigent: Holger Kolodziej. Kostüme: Kevin Pollard. Choreografie: Ann Yee. Video: Joshua Higgason. Darsteller: Graham F. Valentine (Peachum), Pascal von Wroblewsky (Frau Peachum), Sonja Beißwenger (Polly), Michael Rotschopf (Macheath), Sierk Radzei (Brown), Miriam Fussenegger (Lucy), Gilbert von Sohlern (Trauerweidenwalter), Martin Birnbaum (Hakenfingerjakob), Martin Bermoser (Münzmatthias), Wolfgang Seidenberg (Sägerobert), Johann Rosenhammer (Ede), Christian Fröhlich (Jimmy), Martin Vischer (Filch), Sona MacDonald (Spelunkenjenny), Steffen Scheumann (Smith/ Hochwürden Kimball), u.a.

Die Handlung

Wie in seinem Vorbild, der „Beggar’s Opera“ (1728) von John Gay, zeigt Bertolt Brecht Verbrecher, die sich wie Bürger verhalten. Bettlerkönig Peachum macht Geschäfte mit dem Mitleid. Seine Tochter Polly heiratet gegen den Willen des Vaters den Räuber Mackie Messer. Polizeichef Brown sorgt dafür, dass Mackie ungeschoren bleibt. Als Peachum aber droht, die Krönung mit Bettlern zu stören, lässt er Mackie verhaften. Vor dessen Hinrichtung erscheint ein Bote der Königin, die Amnestie gewährt.

Weitere Vorstellungen am Donnerstag sowie am 14., 16., 20., 23., 25. und 27. August; Telefon 0043/ 662 8045 500.

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