Madame - ein Fall für den Psychiater

- Fasziniert vom Vornamen Hilda, schrieb die französische Autorin Marie NDiaye (36) ein Theaterstückchen, in dem zwar niemand auftritt, der so heißt, dieser Name aber umso öfter ausgesprochen wird. Die "erstaunliche Verführungskraft", die von seinem Klang ausgeht, ja, sogar "die Verhexung", die das Wort Hilda hervorruft, mag im Französischen glaubhaft sein.

<P>Wir hier aber denken nur einmal mehr an alte Tanten, die früher vielleicht so hießen. Also muss, wenn "Hilda" in Deutschland aufgeführt wird, dieser Name ein Geheimnis beinhalten, das mehr ist als nur der fremde Klang. Fürs Bayerische Staatsschauspiel hat jetzt im Theater im Haus der Kunst Regie-Debütant Oliver Brunner diese hübsche, kleine Geschichte als deutsche Erstaufführung inszeniert.</P><P>Wer Texte schätzt, in denen nicht alles erklärbar ist, die Irritationen wecken, deren Figuren sich nicht auf Eindeutigkeit festlegen lassen, wer Vergnügen an ihren Geheimnissen hat, der dürfte Gefallen finden an dieser dialogischen Fingerübung der ansonsten Romane schreibenden Französin. Alles ist mehrdeutig. Und doch sind die Personen des Stücks sozial geerdet: hier die "linksliberale Herrschaft", wie es im Text heißt, mit Haus, Garten und untrüglichem Gespür fürs Geld; da der Gelegenheitsarbeiter Franck, der gern von den Einkünften seiner Frau Hilda die Hälfte als Schwarzgeld abkassiert.</P><P>Aber Hilda ist nicht nur das Objekt der materiellen Ausbeutung durch Mann und Arbeitgeberin. Sie ist auch Objekt erotischer Begierden und persönlicher Obsessionen, die vor allem Madame zum psychiatrischen Fall machen.</P><P>Dieses Stück ist Seelenclinch und Gesellschaftssatire in einem, in dem Madame Lemarchand die Hauptrolle spielt. Denn sie, die - wie die Autorin - von dem Namen Hilda Besessene, ist Wortführerin. Mit kalkulierten Argumenten, mit der scheinbaren Progressivität der Reichen, mit der Attitüde der Einsamen und Ungeliebten, mit der rücksichtslosen Gier, sich Hilda ganz anzuverwandeln, und der Lust nach der dumpfen Männlichkeit ihres proletarischen Gegenspielers setzt sie diesen schachmatt.<BR>Genau richtig für diese Rolle: Juliane Köhler, die die eigene strahlende Schönheit mit distanzierendem Witz und immer wieder überraschender Deftigkeit unterläuft. Thomas Loibl spielt den fast sprachlosen Franck als tumben, unterlegenen Jammerlappen, der sich am Ende mit der coolen Schwägerin Corinne (sympathisch natürlich: Lena Dörrie) tröstet.</P><P>Sonderbare Seelenkrüppel<BR>ohne doppelten Boden</P><P>Oliver Brunner, dem mit diesem Stück eine erste Regie anvertraut wurde, hat das mit einiger Leichtigkeit hingetupft. In den hellen Raum ließ er von Tina Kitzing eine Art Pavillon setzen, der sich zu verfremdeter Karussellmusik von Szene zu Szene dreht und dessen sich öffnende Türen den jeweils sehr engen Schauplatz freigeben. Das alles ist eine knappe Stunde lang recht vergnüglich anzusehen. Und doch wäre von einem erfahreneren Regisseur, der sich besser auf die Vielschichtigkeit dieser sonderbaren Seelenkrüppel versteht, mehr aus diesem Text herauszuholen: das Changieren der Figuren, die Doppelbödigkeit der Realität, das verwirrende Spiel mit der Identität, das die Autorin ziemlich gut beherrscht. Und was auch Köhler und Loibl schauspielerisch gewiss leisten könnten.</P><P>Brunner aber hat nichts dergleichen riskiert. Am Ende gar verzichtete er darauf, Madame Lemarchand äußerlich so zu verändern, wie sie es selbst von sich sagt: Sie habe sich Hilda einverleibt, sei im Besitz ihrer langen Haare, ihres Gesichts. Juliane Köhler jedoch sieht mit ihrer übrigens scheußlichen Blondhaar-Perücke genauso fein frisiert aus wie am Anfang.</P><P>Alles nur Einbildung? Schade. Nicht nur eine Irritation weniger, sondern auch Verzicht auf Geheimnis und Verführung. Sowie auf ein ordentliches Finale. Viel Beifall. Aber zu wenig Theater für 15 Euro pro Karte.<BR></P>

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