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Madonna, Bacardi-Cola und die Achtziger

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Von: Michael Schleicher

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Zurück in die Achtziger: Schauspieler Gunther Eckes (re.) las in München aus Michel Decars Debütroman. © Foto: Matthias Horn

Michel Decar ist vor allem als Dramatiker bekannt, am Residenztheater wurde sein Stück „Philipp Lahm“ uraufgeführt. Jetzt hat er in München seinen ersten Roman „Tausend deutsche Diskotheken“ vorgestellt. Eine wilde Reise durch die Achtziger.

Ey! Die Achtziger waren gar nicht so peinlich, wie heute immer noch viele sagen. Oder, in der Sprache der Zeit formuliert: Das Jahrzehnt, das gern verlacht wird, war „nicht übel, sprach der Dübel und verschwand in der Wand“. Es durfte überall geraucht werden (und Menthol-Zigaretten waren nicht allein Helmut Schmidt vorbehalten), Bacardi-Cola war als Getränk anerkannt – und im Radio spielten sie Foreigner und Madonna.

Von all dem erzählt Michel Decar in seinem hinreißenden Debütroman „Tausend deutsche Diskotheken“. Der 1987 in Augsburg geborene Autor ist bislang vor allem als Dramatiker bekannt; im Dezember wurde am Münchner Residenztheater sein Stück „Philipp Lahm“ uraufgeführt: Dieser Text ist ein erzählerisches Dribbling durch eine Biografie ohne Fouls, Ecken und Kanten. Decar nutzt dabei das öffentliche Bild des Ex-Fußballers, um über das Prinzip „Philipp Lahm“ nachzudenken: über eine Lebenseinstellung der stoischen Zufrieden- und Ausgeglichenheit im Gegensatz zu Hysterie und zum Selbstdarstellungszirkus unserer Zeit.

Gunther Eckes spielt auch Philipp Lahm

Gunther Eckes spielt die Titelrolle in Robert Gerloffs sehenswerter Inszenierung, die auch in der kommenden Spielzeit im Repertoire des Theaters ist. Eckes sitzt (die Ärmel seines Sakkos hochgekrempelt wie in den Achtzigern) auch an diesem Abend mit Decar sowie der Dramaturgin Angela Obst auf der Bühne im voll besetzten Marstall Café: Wie die Hauptfigur Frankie im zucchinigrünen Admiral durch die alte Bundesrepublik braust, brettert das Trio nun in kurzweiligen, komischen und hinterkünftigen 90 Minuten durch Decars vogelwilden Roman, einen „BRD noir“, wie der Autor definiert. 

Madonnas „White Heat“ ist ein wichtiges Indiz

Er lässt seine Geschichte 1988 spielen. Warum? „Ich hatte die Schnauze voll von 1989. Ich finde, 1988 ist ein vernachlässigtes Jahr der Zeitgeschichte.“ Das war einmal. Denn in jenem Sommer erhält Decars Privatdetektiv Frankie in München einen Auftrag, der seinen Konsum von Marlboro Menthol und Bacardi-Cola nochmals steigern wird: Mauke, seines Zeichens im Vorstand der Bundesbahn, will, dass Frankie einen Informanten findet, der ihm brisantes Material angeboten hat. Mauke allerdings hat keine Ahnung, wer der Typ am anderen Ende der Leitung gewesen sein könnte. Einziger Anhaltspunkt: Der ominöse Anruf kam aus einer Diskothek, im Hintergrund lief „White Heat“ von Madonnas Platte „True Blue“. Also macht sich Frankie auf die Reise durch die bundesdeutschen Diskotheken, um herauszufinden, aus welcher der Anruf abgesetzt wurde. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten – außer noch dieser Hinweis des Autors: „Wie bei jedem guten Noir-Film muss auch hier ein großer gesellschaftlicher Sumpf aufgeklärt werden.“

Behutsam und kenntnisreich navigiert von Angela Obst las und plauderte sich das Duo Decar/Eckes durch die Geschichte, die durch den Sprachwitz, vor allem aber durch die Beobachtungsgabe des Autors und dessen Detailliebe besticht. Im Anschluss legte DJane und Resi-Schauspielerin Mathilde Bundschuh Musik der Achtziger auf. „Nach Hause gingen nur die ganz schlappen Typen“, wie es an einer Stelle des Buches heißt.

Informationen zum Buch:

Michel Decar: „Tausend deutsche Diskotheken“. Ullstein, 240 Seiten; 20 Euro.

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