Mädchenhafte Raffinesse

- "Warum soll man diese Grenze nicht überschreiten", fragt sie zu Recht. Als Sopranistin sei sie "frei von früheren stimmlichen Assoziationen". Und seitdem die Damenwelt auf "Winterreise" geht oder die "Schöne Müllerin" bezirzt, sind im Genre Liedzyklus die Geschlechterbarrieren ohnehin gefallen. Wenn sich Barbara Bonney also, wie nun im Münchner Prinzregententheater, Schumanns "Dichterliebe" widmet, überrascht daher nicht die Tatsache als solche _ sondern das vokale Ergebnis.

<P>Sicher verfügt die Sopranistin über ein hinreißendes Timbre, über mädchenhafte Raffinesse und eine bestechende Ausstrahlung, der sich das Publikum schwer entziehen kann. Kein Melodiebogen, kein Ton scheint zufälliges Ereignis, alles ist eingebunden in eine extrem kontrollierte, intelligente Phrasenbildung.</P><P>Das Problem also? Die Lage: Schumanns Lieder bewegen sich nicht in für Barbara Bonney bequemen höheren Regionen, wo die Stimme flötengleich aufblühen könnte, sondern stürzen über Intervallkaskaden in Abgründe, denen sie mit technischen Kniffen begegnen muss. Auch irritierte die manierierte Vokalfärbung, die die Verse (bei einer hervorragend Deutsch sprechenden Amerikanerin!) leicht verzerrte. Wie überhaupt Barbara Bonney manche Texte eine Spur zu wörtlich, zu schwärmerisch-innig nahm, wo Dichter wie Heine ("Dichterliebe") oder Schiller (Liszts "Der Fischerknabe") zumindest Distanz, gar versteckte Ironie mitschwingen ließen.</P><P>Ganz anders dann die _ für einen Liederabend ungewöhnlichen _ Operettenhäppchen von Heuberger über Dostal bis Lehá´r, bei denen Barbara Bonney ganz allerliebreizend und augenzwinkernd die Laszive oder dezent Kokette gab. Immerhin: Die "Christel von der Post" neben Schumann und Liszt zu stellen, zeugt von Risikolust, ging aber auf.</P><P>Ein großes Erlebnis war die Begleitkunst Wolfram Riegers, der mit subtilen Nuancierungen und tastenstreichelnd manches Stück in Richtung Debussy rückte, der dem Bösendorfer verblüffende Pastellfarben entlockte und damit minutenlang die Aufmerksamkeit bannte. Begeisterter, langer Applaus, den das Duo mit drei Zugaben belohnte.</P>

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