Männer auf der Suche nach Extremen

- Nicht nur Fatih Akin, auch Alexandra Maria Lara ist heuer einer der deutschen Stars an der Croisette. Sie spielt eine Hauptrolle in "Control", einem überaus stilbewussten Film über die britische Post-Punkgruppe "Joy Division". Das Werk stammt vom bekannten Modefotografen Anton Corbijn und eröffnete an der Croisette die ganz dem Autorenfilm vorbehaltene Sektion "Quinzaine". Schade, dass Laras ausgezeichneter Auftritt, in dem sie zeigt, dass sie Besseres kann, als im "Untergang" den Führer anzuschmachten, daheim weitgehend unbeachtet blieb.

Schon immer war Cannes weit mehr als nur ein Wettbewerb. Gerade die "Quinzaine" erweist sich auch im zweiten Jahr unter ihrem neuen Chef Olivier Père als das heimliche zweite Zentrum des Festivals ­ mit wilden, poetischen, konsequent anti-banalen Filmen. Einer davon ist "Eggs" von Semih Kaplanoglu, dem aufsteigenden Stern des türkischen Kinos.

"Eggs" erzählt von einem Städter, der in die Provinzstadt seiner Kindheit zurückkehrt, und entwickelt schnell großen poetischen Sog. Kaplanoglu verfügt über eine seltene Fähigkeit, in kleinsten Andeutungen, quasi zwischen den Bildern alles zu erzählen.

Ganz anders, kontroverser, aber ähnlich poetisch ist der französische Film "L‘homme perdu" von Danielle Arbid. Die Regisseurin beobachtet zwei Männer auf der Suche nach dem Extremen. Ein Film voller Antonioni-Anleihen, bei dem man bis zum Ende nicht genau sagen kann, worum es geht. Aber die Bilder faszinieren, und das Gefühl mit dem man drinsitzt, ist gut.

Trotz solcher Entdeckungen am Rand gilt die Konzentration auch an den letzten drei Tagen ganz dem Wettbewerb, einem der stärksten der letzten Jahre, der bis auf zwei, drei Ausfälle nur überdurchschnittliche Filme bot.

Gegen Cannes ist die Berlinale ein laues Frühjahrslüftchen. Gemeinsam ist fast allen Filmen ein dunkler, pessimistischer Grundton, ein Blick aufs Leben, der dessen Gefährdungen betont und der die Freiheit verteidigt. Aber wer wird nun am Sonntag triumphieren? Auf den Ranglisten der internationalen Kritiker führen der Rumäne Cristian Mungiu mit seinem arg spekulativen Abtreibungsdrama "4 Luni, 3 Saptamini si 2 Zile" und David Finchers "Zodiac", die Franzosen favorisieren die Coen-Brüder mit ihrer McCarthy-Verfilmung "No Country for old Men". Doch diese drei Filme polarisieren. Vielleicht siegt am Ende ein Kompromisskandidat. Dann hätte Fatih Akin Chancen, dessen "Auf der anderen Seite" hier sehr freundlich aufgenommen wurde ­ ohne restlos zu begeistern. Und auch der koreanische Regisseur Lee Chan-dong, der mit "Secret Sunshine", einer intimen Provinztragödie mit tieferer Bedeutung, positiv überraschte.

Das politischste Signal wäre eine Auszeichnung für die Anti-Fundamentalismus-Animation "Persepolis", dessen franko-iranische Macher bereits von Protesten aus Teheran überschüttet wurden. Oder entscheidet sich die Jury lieber für ein Signal zugunsten des strengen Kunstwillens, also für einen Film, der kaum fürs breite Publikum, sondern fast ausschließlich für jenes festivaltypische Zuschauergemisch aus Künstlern, Händlern und Kritikern gemacht ist? Dann hätte der Österreicher Ulrich Seidl mit "Import Export" ebenso Chancen, wie der Mexikaner Carlos Reygadas mit "Stilles Licht". Oder sogar der Ungar Bela Tarr. Dessen Simenon-Verfilmung "The Man from London" erstickt geradezu an ihrer Bedeutsamkeit. Doch auch, wer Tarrs Auflösung aller Erzählung in Langsamkeit prätentiös findet, muss anerkennen, dass die Bilder (seines deutschen Kameramanns Fred Keleman) von ausgesuchter Schönheit sind.

Schließlich darf man nie die Franzosen vergessen: Während Julien Schnabel sich in dem Behindertendrama "The Driving Bell and the Butterfly" beim Publikum anbiedert, tut Catherine Breillat das Gegenteil: "Une vieille Maitresse" ist ein immer wieder überraschender und im Wortsinne fesselnder Kostümfilm, der an die Geburt des Sadismus aus dem Geist des Rokoko erinnert.

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