Von Männern umstellt

- So ist das eben mit den Idolen. Anbetung von fern funktioniert ja gefahrlos und folglich wunderbar. Doch wehe, wenn sie aus ihrem irrealen Umfeld treten. Wenn sie wie bei Woody Allens "Purple Rose of Cairo" aus der Leinwand steigen oder wenn sie ihre Rembrandt-Welt verlassen und plötzlich beim Fan im Fitnessstudio aufkreuzen. Und ganz besonders kompliziert und ernüchternd wird es, wenn sie sich dann nicht als Nonplusultra, sondern als Menschen mit Macken erweisen. Sich dabei entzaubern, beim Schritt ins Reale grausam scheitern. Ein Traumgespinst verpufft. Hier sogar mit Krawumm und geschätzten 100 Dezibel.

Phänomenal: Anja Kampe

Dem prominentesten Untoten der Opernszene und seiner Senta passiert Letzteres. Meint jedenfalls Peter Konwitschny, der den "Fliegenden Holländer" für die Bayerische Staatsoper inszenierte und damit seine dritte Münchner Wagner-Regie ablieferte. Drastisch zeigt er, wie sich zwei Menschen begegnen, zwischen denen Jahrhunderte liegen. Zwei Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen und Träumen. Zwei, die füreinander bestimmt scheinen, sich den anderen jedoch nur als Idealbild denken.

Wie immer kommt Senta mit Sporttasche und Holländer-Gemälde zum "Spinning", singt den begeistert erschauernden Schlankheitskumpaninnen die Ballade. Wenig später ist der Titelheld, zu dem ja auch "dieses Mädchens Bild" aus "längst vergang'nen Zeiten" spricht, tatsächlich mit dem Koffer da. Darin ein Brautkleid aus alter Zeit, das er Senta überzieht, statt sie in ihrer Leibhaftigkeit zu akzeptieren. Und sobald Senta den lädierten Stoff trägt, das Duett sich zu utopischer Schönheit aufschwingt und Konwitschny im Theater das Licht angehen lässt, wird zugleich klar: Nein, es kann nicht funktionieren.

Es ist die stärkste Szene des Abends, Wendepunkt eines Dramas, das in die Katastrophe mündet. Und wie dies Konwitschny, versiertester Beziehungsanalytiker und größter Feminist unter den Regisseuren, entwickelt, ist schlüssig und scharfsinnig, hochmusikalisch und spannend. Spannender noch als bei der eigentlichen Premiere dieser Inszenierung, die als Koproduktion 2004 in Moskau herauskam. Das liegt an einer Intensivierung der Figurenführung, vor allem an den Sängern, die in München keine Wünsche offen lassen. Der Zusammenprall verschiedener Lebenswelten wird auch in der Ausstattung Johannes Leiackers augenfällig: hier die liebevoll gestaltete Romantik des ersten, dort die Fitnesswelt des zweiten Akts, am Ende eine düstere Lagerhalle, in der die Holländer-Leute wie lebende Gespenster sitzen und von Dalands Truppe provoziert werden.

Von mehreren Männern ist Senta umstellt. Vom Holländer, der paffend und mit Macho-Lächeln das Schiff verlässt, sich später zum Betrogenen stilisiert. Von Daland, dem dank diverser Perlengeschenke das seltsame Auftreten dieses Wesens schnell schnurz ist. Und von Erik, dem sympathischen Bullen, dem das Herz übergeht und die Hand locker sitzt. Dass dieser unverstandenen Frau nur die Brünnhilden-Lösung bleibt, dass sie alles in die Luft fliegen lässt, Explosion samt Blackout das Finale unterbrechen und die letzten Takte dünn aus der Tonkonserve erklingen, ist schockierend, aber logisch.

Das Problem ist freilich: Wenn alle Welt nur noch Konwitschnys Knaller inklusive Eingriffe in die Musik diskutiert, die er mittlerweile fast als Masche einsetzt, dann wird auch vieles überdeckt. Denn zu leicht vergisst man dabei, wie viel Vielschichtiges, Filigranes und Berührendes außerhalb solcher Momente gelingen.

Vor allem, wie beim "Holländer", wie viel Humorvolles. Denn nicht nur die Fitnesswelt darf belacht werden, auch ein herrlicher Matti Salminen als Daland, den man selten so aufgekratzt erlebt hat. Und bald begreift man: So weit von Lortzing liegt dieser frühe Wagner ja gar nicht entfernt. Nicht nur Salminen hat sich begeistert in Konwitschnys Regie geworfen, auch der hochmotivierte und spiellustige Chor, besonders aber Anja Kampe: eine Senta von enormer darstellerischer Kraft und Präsenz. Dazu ist sie gesegnet mit einem gehaltvollen, im Mezzo-Timbre verankerten Sopran, bei dem sich die spätere Brünnhilde abzeichnet - ein phänomenales München-Debüt.

Juha Uusitalo, dieses einschüchternde Mannsbild, macht sich stimmlich dagegen gern auf die Suche nach dem Zarten, Empfindsamen. Dass ihm das typische Helden-Erz (noch) fehlt, dass er nicht auf klangliche Überwältigung abzielt, ist also gar nicht entscheidend, eröffnet vielmehr neue, jugendliche Facetten.

Fast ungetrübte Ovationen

Auch Stephen Gould (Erik), obgleich schon für den Bayreuther Siegfried gerüstet, hat Mut zum Differenzieren. Das unangenehm gelagerte Finale gelingt ihm ebenso mühelos wie Lyrismen oder sogar kleine Verzierungen. Kevin Conners munterer, stimmschöner Steuermann ergänzt diese grandiose Sängerriege, von der zudem fast jedes Wort zu verstehen ist.

Adam Fischer begann mit dem Staatsorchester molto furioso, ließ sich später in Solo-Szenen viel Zeit für Melos und Phrasen und bäumte den Kampf der Mannschaften zu ohrenbetäubender Wucht auf. Mag er dem Werk mit Feinsinn viel entlockt haben: Trotzdem wirkte es zuweilen, als ob er die Musiker am Gummiband hinter sich herzog, als ob sich nicht immer niederschlug, was er mit wendigen Bewegungen vermitteln wollte. Dass sich Szene und Graben zweieinhalb Stunden lang ergänzten, war indes auch Fischers Verdienst - und brachte die Premierengäste aus dem Häuschen: fast ungetrübte Ovationen für eine Produktion, die vieles an diesem Hause turmhoch überragt.

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