Männlich, smart und virtuos

München - Die Stimme bewegt sich in femininen Lagen, die attraktive maskuline Erscheinung bietet dazu den pikanten Kontrast: Countertenöre bleiben die Lieblinge des Klassikmarkts. Vier Sänger buhlen derzeit um die Gunst der Fans.

von Markus Thiel

Jeder muss sich irgendwann diese Frage anhören. Philippe Jaroussky traf sie vor einiger Zeit im ARD-Morgenmagazin: Nein, ihm fehle nichts, an keiner Stelle, beteuerte der Franzose lächelnd. Das hohe Singen sei Einstellungssache, vor allem eine des Kehlkopfs und der Stimmbänder. Der 32-Jährige liegt derzeit auf der Pole-Position im Counter-Feld. Die wechselt immer mal wieder. Früher waren David Daniels oder Andreas Scholl auf Platz eins, nun verliebt sich alle Welt in Jaroussky - weil sich zur smarten Erscheinung die wohl ungewöhnlichste Counter-Stimme gesellt.

Die Zeiten, als besonders britische Solisten mit vibratolosen Tönen wie eine Darmsaite klangen und den Barock zur keimfreien Angelegenheit machten, sind gottlob vorbei. Der Grund: Die meisten Counter kommen jetzt weniger vom Oratorium, sondern aus der Oper. Gesungen wird mit Selbstbewusstsein - und auch mit Unterleib. Viel dramatischer, theatraler gestalten diese Counter von heute, Leidtragende sind die Mezzos: Bei Barockem gibt’s für die Damen kaum noch Arbeit.

Im Falle von Jaroussky kommt noch etwas anderes dazu. Es ist diese knabenhafte, unschuldsvermutende Aura, die ihm eine Extra-Portion Erotik beschert. Dort, wo es in der Höhe für die Kollegen knapp wird, fängt Jaroussky erst an. Auf seiner CD „Caldara in Vienna“ (erschienen bei Virgin) ist aber auch zu hören: Jaroussky merkt, dass sich Dramatik und Farbnuancen nicht mit schmiegsamem Laissez-faire-Gesang allein erzielen lassen. Ganz nach Art seiner Kollegin Cecilia Bartoli (auch so ein Verkaufstrick der Klassikindustrie) ist er in die Archive gestiegen. Dort hat er Antonio Caldara (1671-1736), den Vizekapellmeister des österreichischen Kaisers Karl VI. für sich entdeckt - was dem CD-Käufer ein Booklet-Buch mit wissenschaftlichem Mehrwert beschert. Im Sinne Caldaras, der Zierrat zurückhaltend einsetzt, ist Jarousskys Gesang nachdrücklicher geworden, weniger flatterhaft als früher. Und bleibt doch am besten, wo er mit versonnenem Melos wie selbstvergessen seinen Tönen hinterherhört - live nachzuprüfen übrigens morgen im Herkulessaal.

Gemessen an Jaroussky ist der 43-jährige Andreas Scholl ein Altmeister der Zunft. Einer, der genau weiß, welche Butterlage seine gehaltreiche Counter-Stimme braucht: zum Beispiel die der tiefer notierten, Melancholie-satten, oft schmusigen Klängen von Henry Purcell. Das Album „O Solitude“ (Decca) vereint Maßanfertigungen für Scholls Orpheus-Organ. Dem Deutschen liegt, unterstützt von der intensiv spielenden Accademia Bizantina, die intime Atmosphäre. Einmal allerdings verlässt er die Pose des Understatements: als er im „Cold Song“ aus „King Arthur“ mit rauen bis gestöhnten Tönen an Klaus Nomi erinnert - an jenen Performancekünstler, der 1983 an Aids starb. Es ist die schwärzeste, beunruhigendste Stelle der CD.

Haben Scholl mit dem Konzern Universal und Jaroussky mit Virgin mächtige PR-Partner im Rücken, muss sich der Argentinier Franco Fagioli auf die im Vergleich kleine Firma Carus verlassen. Was nicht weiter schlimm ist, verfügt der 29-Jährige doch über den eigentümlichsten, aufreizendsten Counter-Klang der vier. Die gutturale Tongebung mag bei Gesangslehrern Stirnrunzeln verursachen. Das schnelle Vibrato, die geerdeten Töne, der feine Witz des Vortrags machen die „Canzone e Cantate“ aber zum Hörgenuss. Von sommerlichen Liebeswonnen singt Fagioli, lässt lustvoll das „Als ob“ durchblitzen - und klingt in schnellen Nummern wie ein männliches Ebenbild der Bartoli.

Dass die Counter-CD des Jahres indes einem Kollegen gelungen ist, hat viele Gründe. Unter anderem liegt’s beim Album „Ombra Cara“ an den Sekundanten von Bejun Mehta: Wer auf das Freiburger Barockorchester (die weltweit beste Alte-Musik-Truppe) und Dirigent René Jacobs vertraut, betreibt fast unerlaubtes Doping. Und dass Händels Arien dankbarste Kost bietet, wissen nicht nur die damit verwöhnten Münchner Fans. Mehtas Stimme ist dabei nicht unbedingt ebenmäßig schön. Der feinherbe Klang, die locker ansprechenden Töne, der große Stimmumfang und der dramatische Instinkt machen den 42-jährigen Amerikaner aber zum echten Charakterkünstler - was in der„Making of“-DVD noch unterstrichen wird. Barock bleibt einfach keine Kopf-, sondern eine Bauch-Angelegenheit.

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