Märchen, Klassiker und der Zeitgeist

- Ist es Zauberei? Ein fantasiereicher Marketing-Gag? Im vergangenen Jahr feierte die "Schauburg - Theater der Jugend" am Münchner Elisabethplatz ihren 25 Geburtstag. Und heuer im Juni begeht sie ihren 50.

<P>Die Konzepte für Kinder- und Jugendtheater mögen zwar auf sein jeweiliges Publikum etwas schneller überholt wirken als die anderer Bühnen. Aber im Fall der städtischen Schauburg handelt es sich weder um vorzeitige künstlerische Alterung noch um Hexerei, sondern um zwei verschiedene Geburtstage: 1977 bezog das Theater der Jugend das ehemalige Kino Schauburg. 1953 aber erblickte es als Münchner Märchenbühne das Bühnenlicht: im Goethesaal der Steiner-Schule in Schwabing. </P><P>Der Schauspieler Sigfrid Jobst hatte seit Kriegsende einen Traum und schließlich auf dem Weg zu den Bavaria-Filmstudios einen Motorradunfall, der ihm nützlich wurde: Er investierte seine Versicherungsrente - nicht in einen lukrativen Zigarrenladen, wie man ihm riet, sondern  in  ein  Kindertheater.<BR><BR>Mit der Unfallrente eine Bühne gegründet</P><P>"Bilder stürmen", war damals noch nicht Thema, sondern, sie erst einmal wieder aufzurichten und dabei Vergnügen zu bereiten. Und das gelang Jobst und seiner Frau Annemarie Grashey auf dem nackten Saalpodest, dem "Nudelbrett", so gut, dass bereits 1954 die Stadt beschloss, die inzwischen zur Münchner Jugendbühne gereifte Einrichtung zu unterstützen. Die Zusammenarbeit mit der Falckenberg-Schule begann, und ihre Eleven standen neben Kinderdarstellern wie Fritz und Elmar Wepper auf der Bühne, die bald in den größeren Kolpingsaal in der Reitmorstraße umzog. Längst nicht mehr nur Märchen enthielt ihr Programm, auch Kleists "Zerbrochnen Krug" oder Goldonis "Lügner".<BR><BR>1968 wurde ein solches Repertoire erst einmal abgeschafft. Im Theater der Jugend, das inzwischen unter der Ägide der Kammerspiele verwaltet wurde, erfolgte 1969 die Ablösung: Der künstlerische Leiter Norbert J. Mayer widmete sich dem "emanzipatorischen" Jugendtheater und machte das Berliner Grips-Theater bekannt, indem er dessen Stücke nachspielte. Im künstlerischen Bereich beschleunigten sich die Veränderungen: Gegen Überpolitisierung und für mehr Bildfantasie setzten sich von 1973 bis 1975 Hedda Kage und Iven Tiedemann ein. Mit Stücken der Roten Grütze verursachte nach ihnen Jens Heilmeyer Proteste, denen Zensurmaßnahmen folgten. Unter dem Motto "Einer kämpft, der nächste erntet" konnte er schließlich in das durch die Vorgänger erstrittene Schauburg-Gebäude einziehen.<BR><BR>Seine ganz große Zeit aber erlebte das Haus ab 1980 unter Jürgen Flügge, der es, als Besucher und dann Mitarbeiter, stets begleitet hatte und gar nicht glauben wollte, dass man ihn trotz seiner Streitbarkeit als neuen Leiter akzeptierte. Unter Dieter Dorns Intendanz an den Kammerspielen wurde die Schauburg ökonomisch und künstlerisch erneut unabhängig. </P><P>Und Flügge nutzte die Freiheit, um das Haus verschiedensten Strömungen und europäischen Theatermachern wie Beat Fäh oder Carlo Formigoni zu öffnen. Flügge verließ München 1985, weil er den dringend notwendigen Umbau nicht zugestanden bekam. Der 1991 doch endlich erfolgte. Da hatte man bereits den holländischen Jugendtheatermacher George Podt nach München und seine Frau Dagmar Schmidt als Dramaturgin zurück an die Schauburg geholt, die die beiden bis heute leiten. Wobei sie eine neue "Kompliziertheit" auf ihre Fahnen schrieben.<BR><BR>Die ist bisweilen wie all ihre Vorläufer-Konzepte auch umstritten. Dennoch: Mehr als 95 Prozent Platzausnutzung darf die Schauburg seit Jahren verzeichnen, Tendenz steigend. </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
Die Arena di Verona kämpft mit Affären und Finanznot. Hilfe verspricht man sich von einem Sanierungsplan - und einer Uralt-„Aida“.
Arena di Verona: Auferstehen aus Ruinen
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“

Kommentare