Ein Märchen zu Weihnachten

- Nicht Korbinian und der Bär, sondern "Androklus und der Löwe" von George Bernard Shaw bringt das Staatsschauspiel am kommenden Dienstag heraus. Regie führt Hausherr Dieter Dorn (71), der damit noch ein wildes Tier nach Bayern lotst ­ und die katholische Lust an heiligmäßigen Dompteuren fürs Residenztheater aufbereitet.

Gefahr für Leib und Leben durch Bayerns Wappentier besteht nicht, zumal es sich anfreundet: mit Androklus, den Michael Tregor spielt. Mit ihm auf der Bühne unter anderen Lisa Wagner, Thomas Loibl, Anna Riedl und Oliver Nägele.

Warum dieses Stück?

Dieter Dorn: Dass ich die beiden Komödien "Floh im Ohr" von Feydeau und "Androklus und der Löwe" gemacht habe, ist zunächst ein Reflex auf den Streik. Aber es geht natürlich mehr noch um Inhaltliches: um die Spielweisen des Komischen. Das ist wichtig fürs Ensemble und eine sehr schwere Übung. Aber es übt ungemein! Man kann sich nicht aufs Diskutieren zurückziehen. Dieses Spiel schärft die Wahrnehmung fürs Handwerk, fürs pure Können.

Nach dem Krieg und in den 50er-Jahren war Shaw ungeheuer beliebt. Nun ist der "ganze" Shaw verschwunden. Ich will nicht sagen, dass wir eine ungeheure Entdeckung gemacht haben, aber "Androklus" ist ein wunderbar bescheidenes Märchen. Eines über verfolgte Christen, über diese Religion, die gesiegt hat und später ebenfalls Blut und Tränen über die Welt gebracht hat.

Shaw avisiert sein Stück als "Altes Märchen". Wie viel Kindlichkeit steckt in der Theaterkonstruktion, und wie setzt man sie um?

Dorn: Das Drama ist fast 100 Jahre alt ­ und stammt von einem ganz tollen Autor. Den zum Beispiel Brecht als Revolutionär gelobt hat. Shaw war einer, der stur auf die Vernunft gesetzt hat und den Glauben an die Menschen behielt. Milde intellektuell fragt er: Was ist denn Glaube? Er appelliert, die Dinge entspannt zu sehen, sie wirklich zu nehmen und sich nicht festzubeißen. Das ist wunderbar ­ aber mehr nicht. Mit britischem Understatement streift er ganz viele Fragen, und man geht auf Spurensuche. "Androklus" ist ein Märchen. Es kommt zur Weihnachtszeit, und die Inszenierung soll eine ironische, komische Besinnungsstunde werden.

Komik, Spott und Ironie sind Wahrheitsessenzen des Stücks ­ bis hin zu der Geschäftemacherei mit dem Märtyrertum. Was uns heute an die islamistischen Selbstmordattentäter erinnert.

Dorn: Beim Islam bin ich zu wenig bewandert, aber es kommt immer der Punkt, an dem die Religion Machtfaktor wird. Die Komödie selbst hat viel Charme und Freundlichkeit. Das hat mich gereizt. Auch weil sie völlig anders ist als die aktuelle Dramatik. Und wir wollen um Gottes Willen nicht den Zug der Christen ins Kolosseum mit dem Zug der Juden ins KZ vergleichen. Die Assoziation ist genug. Das Märchen enthält, wenn es ganz bei sich bleibt, am meisten Welt.

Bei religiösen Themen reagieren viele Theatermacher g‘schamig, überheblich oder sarkastisch. Shaw nimmt die ehrlichen Überzeugungen ernst ­ und in Schutz.

Dorn: Glaube ist kein Schwerpunktthema unseres Spielplans, aber "Nathan", "Die Bakchen" oder "Brand" beschäftigen sich intensiv damit. "Androklus" hängt als eine heitere Coda da dran. Über den Glauben darf man sich nicht lustig machen, sonst tastet man den dramatischen Kern des Dramas an.

Shaw charakterisiert Roms Imperium als Gemeinschaft, die an gar nichts mehr glaubt. Unsere Gesellschaft ist ähnlich glaubenslos.

Dorn: Der Glaube ist nur mehr Konvention, eine allgemeine Übereinkunft ­ Staatsreligion eben. Bei uns sind alle Ersatzreligionen gestorben. Unter dem Deckmantel der Religionen wurden und werden die Gegensätze in der Welt verschärft ­ völlig sinnlos. Shaw, ein weiser Mann, sagt hingegen: Nehmt euch selbst ernst.

Stellen Sie sich bei so einem Stück selbst die Glaubensfrage?

Dorn: Ja. Aber ich will kein eigenes Bekenntnis ablegen ­ und sollte es auch nicht. Ich will das Weltbild des Autors vermitteln.

War für Sie Shaws "Johanna" eine Stück-Alternative?

Dorn: Ich würde mich dann eher an Schiller wagen wollen. Es gab ja früher doch viele Glaubens-Stücke ­ all die "Johannas" von Brecht bis Anouilh… Uns geht es insbesondere um Humor-Erzeugung. Und bei Shaw ist sie von absolut anderer Art als bei Feydeau. In "Androklus" sind die Charaktere nur skizziert ­ und man muss sie als Skizzen belassen, die von den Schauspielern getragen sind.

Dennoch muss alles zum Schwingen gebracht werden. Shaw liebt die Menschen. Für Feydeau sind sie sowieso nur Ratten.

Womit wir bei den Tieren wären.

Dorn: Das ist der eigentliche Urkonflikt der Schöpfung! Bei Shaw gibt es aber einen Menschen, der nicht gleich aufs Totschlagen setzt. Anders als bei "unserem" Bären, bei dem man nichts anderes konnte als totschlagen, totschlagen, totschlagen. In Shaws Märchen geschieht das gerade nicht ­ er hat im Vorbeigehen diesen Urkonflikt erwischt. Unsere Aufgabe ist es, die Debatte über den Menschen, über das vorgestellte Leben, das nicht-reale, sondern gedachte, das von der Fantasie gebildete anzustoßen.

Der Löwe wird von zwei Kung-Fu-Könnern aus Berlin dargestellt.

Dorn: Da spielt auch die alte Tradition des chinesischen Löwen herein. Sich so zu bewegen, ist wahnsinnig viel Arbeit, aber sehr poetisch. Und es wird deutlich, dass die Poesie hergestellt ist. Das ist die Definition von Theater: Theater ist vorgestellte Welt. Es ist verloren, wenn es so tut, als wäre es die Wirklichkeit. Genau das ist die Tragik des Theaters heute. Der Zuschauer muss das Vergnügen haben zu sehen, dass das Theater gemacht wird.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Von Jung bis Alt können sich die meisten Musik-Fans auf Rea Garvey einigen. Woran das liegt, zeigt er bei seinem Auftritt auf dem Tollwood. Die Nachtkritik.
Rea Garvey auf dem Tollwood: Glücklichsein ist so einfach
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Diesem Debüt hat die Opernwelt entgegengefiebert: Jonas Kaufmann singt in London erstmals die Titelrolle von Verdis „Otello“. So ganz passt die Partie nicht zu ihm.
Jonas Kaufmanns Otello: Nur ein Seitensprung
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Draußen rattern Züge über die marode Brücke, drinnen spielen sich die fünf junge Münchner „The Whiskey Foundation“-Musiker den Blues, Rock und Soul der 60er Jahre aus …
Verschwitzte Sommernacht mit „The Whiskey Foundation“ im Strom
Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel

Kommentare