Magie der Einfachheit

- Nicht nur Cecilia Bartoli bricht mit großem Erfolg eine Lanze für jenen Komponisten, dem seit über zweihundert Jahren der Ruf anhängt, der bösartige Kontrahent Mozarts zu sein, und der bis heute als exemplarischer Vertreter des Mittelmaßes gilt: Antonio Salieri. Gegen den im Mozart-Jahr herrschenden, geradezu inflationären Umgang mit dem genialen Salzburger hat das Ensemble "Opera Incognita" nach seinem großen Erfolg mit Glucks "Armide" im Vorjahr auf dessen Schüler und Freund Salieri und seine Oper "Axur - re d'Ormus" in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche gesetzt.

Gleich geblieben ist das Produktionsteam um Regisseur Andreas Wiedermann und Dirigent Ernst Bartmann, das sich mit Musikern des Mozarteum Orchesters, Mitgliedern der Staatsoper Stuttgart, Sängerinnen und Sängern aus Italien und Brasilien sowie Studierenden der Musikhochschulen Augsburg und Salzburg auf Salieris fünfaktige Oper konzentriert hat. Die Geschichte basiert auf einem Libretto von Lorenzo da Ponte, der damals pikanterweise gleichzeitig für Mozart am "Don Giovanni" arbeitete. Axur, der tyrannische persische König, hat hundert Frauen in seinem Harem, ist aber unglücklich und platzt vor Neid, weil sein bester Krieger Atar mit nur einer einzigen Frau, nämlich Aspasia, glücklich ist. Er lässt sie rauben, am Ende befreit Atar sie, und das Volk krönt ihn zum König.

"Opera Incognita" hat diese musiktheatralische Parabel auf Machterlangung, -ausübung und Korruption in der puristischen Atmosphäre der Hofkirche auf geniale Weise umgesetzt - zeitlos szenisch wie ausdrucksstark musikalisch. Mit variablen Eisenstangen verändern die Choristen manchmal sogar während des Singens die Bühne bis hin zur Konstruktion eines vier mal vier Meter großen Würfels. Wunderbar ausbalanciert ist die Mischung zwischen Ernst und Satire. Souverän in Stimme und Darstellung, pervers und fies gestaltet Bassbariton Franz Schlecht den Axur. Atar wird vom brasilianischen Tenor Maecio Gomes mit zugleich geschmeidigem wie entschiedenem Timbre gesungen. Silvia Spinnato gibt ihrer Aspasia mit flexiblem, warmem Sopran eine verzweifelte Gattin, die sich nach ihrer Rettung allerdings bewusst ist, dass der Fiesling Axur unterschwellig auch auf sie eine Anziehung ausgeübt hat. Grandios in jeder Hinsicht Bariton Torsten Petsch in der Rolle von Axurs Hofnarren und Eunuchen Biscroma.

Das Orchester im rechten Seitenschiff präsentierte Salieris effektvolle Musik dynamisch und ausgewogen. Das einfühlsame Lichtdesign von Bernd Purkrabek und Peter Younes sowie die pantomimischen Einlagen der kleinen Zwillingsbrüder Jonas und Manuel Holler gaben der Inszenierung eine fast magische Ausstrahlung.

1.-4.9., Tel.: 089/ 54 81 81 81.

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