Jubiläum

Magie der Maler-Idylle

Heute vor hundert Jahren hat Gabriele Münter in Murnau ein Landhäuschen gekauft: Ort ihrer Liebe zu Wassily Kandinsky, Ort der Freude an Bayern, Ort des „Blauen Reiters“.

Jetzt im Sommer geht’s zu wie im Taubenschlag. Besucher drängen ins Haus, fotografieren die berühmten Motive drinnen und draußen, genießen das Idyll, durchstreifen den Garten: „Mami, schau, da sind Erdbeeren, darf ich die pflücken?“ Auf die Erdbeeren war Wassily Kandinsky (1866-1944) enorm stolz – wie auf all seine Anpflanzungen: „Also heute um 4 mit großem Gepäck (Dienstmann Löbl) eingelaufen. Es war sehr heiß, stand sogar Murnau nicht. Sofort in den Garten gegangen u. einige Erdbeeren gegessen. Dann Tee getrunken u. nackte Knie gemacht – es war eine Pracht. Dann wieder in den Garten. Und so sieht es da aus. Keine Beere ist gestohlen worden (d.h. auch keine Johannisbeeren etc.) Die Erdbeeren sind wie mit dicken Flecken Blut besprengt. Die heutige dickste ist so“, und da fügte der russische Künstler, der die Malerei nur ein wenig später mit Abstraktionen in die Zukunft katapultieren würde, eine putzige Beeren-Zeichnung ein. Im Brief an seine Gabriele (1877-1962) geht es dann weiter: über Gurken, Kartoffeln und Salat.

Bilder von und aus dem Münter-Haus

Kandinsky hatte seine Lebensgefährtin, mit der er nach Reisen bis Tunis und Jahresaufenthalt in Paris sesshaft werden wollte, zum Kauf der „Filla“, wie beide scherzten, gedrängt. In München etablierten sie sich in der Ainmillerstraße. Bei Mal-Ausflügen ins Oberland hatte das Paar aber den Markt Murnau entdeckt. Der Ort, damals circa 2500 Einwohner, war durch eine Eisenbahnlinie erschlossen, und die Sommerfrischler eroberten den bezaubernden Landstrich zwischen Staffelsee und Moos mit dem grandiosen Blick auf die Gebirgskulisse. Emanuel von Seidl frischte Murnau mit einem architektonischen Gesamtkonzept (Fassadenmalerei) auf. Geldige bauten sich allerhand Villen.

Hatten sich Münter und Kandinsky noch 1908 im Griesbräu einlogiert, mieteten sie im Frühling 1909 in „Echter’s Bazar“ die Wohnung neben Marianne von Werefkin und Alexander Jawlensky. Im Juni wechselten Münter und Kandinsky dann schon in die „Filla“. Schreinermeister Xaver Steidl hatte am Tourismusgeschäft der damaligen Zeit teilhaben wollen und baute als Erster jenseits der Bahnlinie an den Hang, also genau gegenüber von Schloss und Pfarrkirche. Die Pläne für das reizvolle Haus ohne jeglichen Komfort entwarf ihm der Architekt Ernst Hegemann. Es gab Petroleumlampen, kein Innenklo, kein fließendes Wasser. Bei der Renovierung 1998/99 habe man neben dem Haupteingang die Reste des Pumpbrunnens gefunden, berichtet Helmut Friedel, Chef des Münchner Lenbachhauses, das mit der Gabriele-Münter-und-Johannes-Eichner-Stiftung das Landhaus betreut. Durch die Stiftung Münters (Gemälde, Grafiken, Schriftstücke) wurde Münchens Städtische Galerie 1957 vom durchschnittlichen Museum zur international wichtigsten Institution für den „Blauen Reiter“.

Münter und Kandinsky waren 1909 nicht verwöhnt; er hatte sich ohnehin in das Haus „verliebt“, wie sie im Tagebuch notiert: „Es gab hin und her überlegen – er bearbeitete mich etwas – im Spätsommer war die Villa gekauft von Frl. G. Münter.“ 1000 Mark musste das Fräulein am 21. August 1909 hinlegen. Ein Tagelöhner verdiente damals zwei Mark am Tag; die Mass kostete 26 Pfennige, das Kilo Schweinefleisch 1,74 Mark (Statistisches Landesamt: „Statistisches Jahrbuch für das Königreich Bayern“, 1911). Die bescheidenen Möbel ließen sich die beiden am Ort schreinern und bemalten sie selbst, angeregt von der Volkskunst, die sie mit Leidenschaft sammelten. Genau diese Mischung ist es, die die Besucher an dem Haus, das die Murnauer „das Russenhaus“ nannten, heute so anziehend finden. Die kleinen, farbenfrohen Räume sind heimelig, und zugleich wurde hier Weltkunstgeschichte gemacht: Den Künstlern gelang der Durchbruch zu einer neuen Malweise – inspiriert vom dortigen Licht, aber auch von der schlichten Hinterglasmalerei –, und zusammen mit Franz Marc wurde der Almanach „Der Blaue Reiter“ konzipiert, eines der wichtigsten Künstler-Manifeste des 20. Jahrhunderts.

Selbst Friedel erliegt immer noch der Magie der „Gedenkstätte“, die sich Münter vor ihrem Tod gewünscht hatte. Vor den schmalen Betten von Münter und Kandinsky – in getrennten Kammern – bewundert er gerührt die Verquickung von Bescheidenheit und Größe. Und man selbst ist als Besucher froh, dass das Haus überhaupt erhalten blieb: 1914 bei Kriegsbeginn, Kandinsky war nun unerwünschter Ausländer, floh das Paar in die Schweiz. Er ging nach Moskau; bis 1917 hoffte sie noch, dann hörte sich nichts mehr von ihm. Erst 1920 erfuhr sie, dass er wieder geheiratet hatte und Vater geworden war. Gabriele Münters Traum, dass Kandinsky sie nach der Ehe mit Anja heiraten würde, hatte sich nicht erfüllt. Lange mied sie die kleine Villa in Murnau. Zurückgeblieben aber waren zahlreiche Werke, insbesondere auch von Kandinsky.

Ab 1931 bis zu ihrem Tod lebte Gabriele Münter wieder in ihrem Landhaus, unterstützt von ihrem Lebenspartner Johannes Eichner (1886-1958). „In ihrem Waschkeller neben dem Bottich, zwischen Gerümpel und alten Radln versteckte sie vor den Nazis unersetzliche Werte“, erzählt Helmut Friedel – und deutet dabei in den Leseraum für die jetzigen Besucher. Das gelbe Sockelgeschoss wird seit der Renovierung als Eingangsbereich benutzt, der „Millionenkeller“ ist längst Legende. Die eigentliche Haustüre liegt auf der gegenüberliegenden Seite des Baus hin zur Kottmüllerallee. „Wir haben das Haus nicht gleich nach Münters Tod bekommen“, erklärt Friedel, „sonst hätten wir diese letzte Aura erhalten. Nachdem die Renovierung aber erst vor zehn Jahren angepackt werden konnte, war es unsere Absicht, den Zustand von 1912/14 wiederherzustellen.“ Vorher waren nur zwei Zimmer zugänglich. Spätere Anbauten wurden also entfernt, alte Pläne, Fotos, Farb- und Tapetenmuster, die Gemälde und Grafiken studiert, um die „Filla“ zurückzuverwandeln. Das ist wunderbar gelungen – von der holzvertäfelten Sitzecke mit den Hinterglasbildern über den liebevoll gepflasterten Weg und die bemalten Möbel bis zu den Paletten der beiden Künstler; zugleich verweisen Fotos und Bildkopien auf die Quellen für die Renovierung. „Wir haben sogar ,Fenster‘ gelassen, damit man die ursprüngliche Bemalung noch sehen kann“, so Friedel. Die „Fenster“ sind kleine Mauerflächen, die nicht saniert, sondern alt belassen wurden. „Die Menschen suchen das Authentische“, freut sich der Lenbachhaus-Chef, den das Gedränge im Münter-Haus deswegen nicht stört. Rund 25 000 Besucher kommen jährlich, die Kinder nicht mitgezählt. Die springen durch den Garten, der als Mischung aus Biedermeier- und Bauerngartl ebenfalls wie zu Münters Zeiten angelegt ist – mit all den Blumen und mit Erdbeeren.

Informationen: Kottmüllerallee 6, Telefon 08841/ 62 88 80. Geöffnet: täglich außer montags 14-17 Uhr. Museumsführer beim Prestel Verlag erschienen: 6 Euro. Eintritt: 2,50 Euro, Kinder frei. Anreise: Zug stündlich von München; Autobahn München-Garmisch-Partenkirchen, Ausfahrt Murnau (keine Parkplätze am Haus).

von Simone Dattenberger

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