Magie, Zauber, Wandel

- "Warum besetzt du mich damit", fragte er entsetzt Regisseur Hans Ulrich Becker. Dieser Joseph Marti, der Gehülfe, sei so eine geduckte, getretene, traurige Figur, und er, der Schauspieler Stefan Wilkening, sei das ja nun ganz und gar nicht. Aber so ernst war der Protest vielleicht auch gar nicht gemeint, denn mit dieser Rolle spielt Stefan Wilkening am Bayerischen Staatsschauspiel immerhin erstmals eine Hauptrolle.

<P> Und nachdem er Beckers Empfehlung gefolgt war, die Vorlage, den Roman "Der Gehülfe" des Schweizers Robert Walser (1878-1956), noch einmal zu lesen, "habe ich plötzlich gesehen, das ist ja ein ganz frecher Kerl. Und mit Frechheit - da kann ich vielleicht etwas anfangen." Also in Marti-Siegerpose schon auf dem Foto, alles Weitere ab kommendem Sonntag, wenn im Münchner Marstall die Dramatisierung des Romans Premiere hat.</P><P>"Wenn du denken spielst, wird's furchtbar."<BR>Stefan Wilkening</P><P>Es ist wohl Zufall, dass fast zeitgleich zwei Romane der Weltliteratur auf die Bühne gebracht werden - nach dem "Golem" im Metropol (s. unten stehende Kritik) nun jener "Gehülfe". Der erzählt vom Scheitern Martis, der sich bei der Ingenieursfamilie Tobler eine feste Anstellung erhofft, aber stattdessen Zeuge ihres Untergangs wird. Wilkening über die Schwierigkeit, einen Roman zu spielen: "Es ist kein dramatischer Text. Der Autor hat ihn nicht geschrieben, damit er laut gesprochen werde." </P><P>Also zunächst Skepsis gegenüber dem ehrgeizigen Unterfangen. "Doch dann", beschreibt er die Anfangs-Probenphasen, "findet man die Sprache so toll. Aber sie lässt sich spielerisch nicht umsetzen. Erste Krise. Da kommt der Regisseur mit Improvisationen. O Gott, denke ich, Ringelpietz mit Anfassen. Schauspielschule. Aber ich merke doch: Das gefällt mir. Langsam erarbeite ich mir so Szene für Szene." </P><P>Darauf folgt: "Krise Nummer zwei. Das Geheimnis der Figur kommt nicht ins Spiel. Wir müssen die Atmosphäre dieser Tobler'schen Welt finden. Musik gibt's dazu. Na ja, ich bin eine Extrem-Kitschnudel. Mir gefällt das. Und jetzt habe ich entdeckt, diese Arbeit zeigt mir ganz viel über meinen Beruf: nämlich von mir weit weg gehen, die Verwandlung versuchen - um danach wieder zu mir zurückzukommen." Was ergibt sich daraus für den Gehülfen, was ist er für ein Mensch? Wilkening: "Einer, der etwas ganz Bestimmtes will. Nur was, das weiß keiner." Im Gegensatz zu seinem Darsteller. </P><P>Der aus dem kleinen Dorf Hatzenport an der Mosel stammende Wilkening hatte zunächst Theologie studiert:<BR>"Ich wollte katholischer Pfarrer werden." Zumindest so lange, bis ihm die Mädchen dazwischen kamen. Und der Weg zwischen Kanzel und Bühne ist so weit nicht, also habe er's eben mal mit der Schauspielerei probiert. An der Münchner Otto-Falckenberg-Schule wurde er auch gleich angenommen. Ein paar wesentliche Dinge hat er in dieser Zeit für seinen Beruf gelernt: "Bei Dieter Dorn: Kein Mensch ist immer gut oder immer nur böse." Und: "Nur nicht in die Konzeptfalle tappen."</P><P>Von Thomas Holtzmann, den er im "Sturm" beobachten durfte, wie er seinen Prospero spielte. Wilkening: "Ich war als einer der Geister auf der Bühne, und nach einer seiner großen, magischen Szenen habe ich ihn gefragt, was er in diesem Moment gedacht habe. Seine Antwort war: Bratkartoffeln, die gebe es, wenn er nach der Vorstellung nach Hause käme. Das heißt: Tu' was Konkretes auf der Bühne. Wenn du denken spielst, wird's furchtbar."</P><P>Gelernt für die Bühne aber hat Wilkening, der nach wie vor gern in Kirchen geht und das Liturgische liebt, auch von seiner früheren Passion. Und zwar: "Von der Konzentration auf die Magie, auf den Zauber, auf die Wandlung. Davon, dass etwas passiert, was unerklärlich ist. Und dass man in der Kirche wie im Theater Formen hat, die unabhängig von der eigenen inneren Situation sind. Der Ritus ist unser Schutzraum."</P>

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