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Magische Momente

"Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt, hat Glück bei den Fraun!" So tönte es in den 30er-Jahren aus den Volksempfängern. "Stimmt!", könnte man noch 70 Jahre später Song-Schreiber Friedrich Schröder und seinem Interpreten Johannes Heesters zurufen.

Aber der Faszination eines Klavierspielers erliegt beileibe nicht nur das schwache Geschlecht. Münchens Klaviernarrische beweisen es, wenn sie in - durchaus gemischten - Scharen zu ihren Stars pilgern (siehe Umfrage).

Jetzt gerade ist wieder Stress angesagt. Denn binnen einer Woche musizieren der vielversprechende Herbert Schuch (heute, Herkulessaal), Jewgenij Kissin (morgen, Gasteig) und Rudolf Buchbinder (30.1., Prinzregententheater). Für den Klavierfreund eine echte Herausforderung. Entscheidet er sich jetzt für die weltentrückten Chopin-Klänge Kissins, für Buchbinders Haydn-Hommage zum 200. Todestag des Komponisten oder für die Entdeckung des jungen Schuch aus Rosenheim? Die Narrischen freilich wählen nicht aus. Sie müssen überall hin.

Von Kopf bis Fuß auf Klavier eingestellt ist die kleine Münchner Agentur Paul Lenz. Im Herkulessaal und in der Allerheiligen-Hofkirche präsentiert Lenz seit der Saison 1995/ 96 seine Pianisten. "Marc-André Hamelin ist unser Flaggschiff", freut sich Paul Lenz, der den mit 15 Deutschen Schallplattenpreisen und acht Grammy-Nominierungen dekorierten Franko-Kanadier einst in Deutschland vorstellte. "Mich interessiert ein Musiker nur dann, wenn er magische Momente erzeugen kann." Lenz sucht die "klar konturierte Künstlerpersönlichkeit". Dabei reicht seine Palette vom 75-jährigen Ivan Moravec bis zum 25 Jahre jungen Péter Tóth aus Ungarn. Nach seinen Auswahlkriterien befragt, lacht Lenz: "Zu hundert Prozent meine Ohren!"

Auch Georg Hörtnagel, als Kontrabassist und Dirigent der Musiker unter Münchens Konzertagenten, engagiert nur, wen er auf der Bühne erlebt hat. 35 Jahre lang war Alfred Brendel, der sich gerade vom Publikum verabschiedet hat, sein Top-Star. "Es gibt keine direkte Nachfolge für ihn. Musikalisch könnte das eigentlich nur Krystian Zimerman. Aber der meidet München, spielt nur bei mir in Nürnberg."

Den 26-jährigen Herbert Schuch hat Hörtnagel in Polling "ausprobiert" und war so angetan, dass er ihn jetzt im Herkulessaal präsentiert. Dass Hörtnagel als Agent jahrzehntelang Swjatoslav Richter betreute und 30 Jahre mit dem schwierigen Arturo Benedetto Michelangeli zusammenarbeitete, brachte neben herzlicher Freundschaften "auch einige graue Haare". Hans-Dieter Göhre, Chef von Concerto Winderstein, erinnert sich noch genau an Jewgenij Kissins Debüt. "Es war im Sommer 1988. Fast hätte der 17-Jährige nicht aus der UdSSR ausreisen dürfen. Ich vermittelte ihm gleich ein Vorspiel bei Karajan in Salzburg. Der große Maestro war begeistert und sagte nur: ‚Spielen Sie solange Sie wollen. ‘ Kissin spielte eine Stunde."  Mit den jungen Franzosen David Fray (9.2.) und Lise de la Salle setzt Göhre wieder auf den Nachwuchs, der ihm oft von renommierten Musikerkollegen empfohlen wird. "Technik und Virtuosität reichen nicht. Die Ausstrahlung zählt. Außerdem muss ein Agent bereit sein, Durststrecken mitzutragen."

Seit zwei Jahren bietet die Agentur Bell’arte ihren Pianistenzyklus an. Klaus Schreyer schwärmt vom in sich versunkenen Mystiker Grigorij Sokolov (28. Februar): "Er verwandelt die Musik in etwas Transzendentes. Wenn große Musik auf einen großen Interpreten stößt, ereignet sich das Außergewöhnliche." Auch Hélène Grimaud spielt heuer bei ihm (22. und 23. März). "Ihre Anmut ist gepaart mit einer unglaublichen Kraft, mit der sie beim Üben auch schon mal einen Flügel ‚zerlegt‘." Sein Jüngster im Pianisten-Team ist übrigens der schlaksig-ernste Nikolai Tokarev, der am 23. Juli in München gastiert.

 Bei MünchenMusik spielen die Pianisten nicht die Hauptrolle. "Als ich anfing, waren die Brendels und Pollinis schon vergeben", sagt Andreas Schessl, der gelegentlich auf Stars á la Lang Lang oder Martin Stadtfeld setzt, die bei ihm ihr München-Debüt absolvierten. Und ausschließlich dem Nachwuchs widmet sich die Reihe "Winners & Masters", die der Kulturkreis Gasteig seit Jahren organisiert. Klavier-Begeisterung kann in München - so die Bilanz - sogar für den Genießer zum Fulltime-Job werden.

Gabriele Luster

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