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Feridun Zaimoglu

"Alpsegen": Magisches Rufen und Raunen

München - Uraufführung an den Kammerspielen: Feridun Zaimoglu spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über sein sagenhaftes München-Stück „Alpsegen“.

Mit seiner kühnen Fassung des „Othello“ sorgte Feridun Zaimoglu im Jahre 2003 an den Münchner Kammerspielen für Aufsehen. Jetzt kommt dort ein neues Stück des türkischstämmigen Autors heraus: Heute wird „Alpsegen“ uraufgeführt, eine Art dämonisches Zaubermärchen über München. Im Interview äußert sich Zaimoglu über sein Stück – und über seine Liebe zu München, die Stadt, in der er aufgewachsen ist.

Was ist denn ein Alpsegen?

Mich begeistern besonders Volkes Geschichten und Gesänge aus alter Zeit. So wusste ich um diesen schönen Brauch der Bauern, bei Almauftrieb und -abtrieb ihr Getier zu segnen. Das ist eine archaische Geste, die es schon in vorchristlicher Zeit gab, eine Art Abwehrzauber.

Kommen deshalb in Ihrem Stück alte Sagengestalten wie „die Weiz“ vor?

Ja, die werden gewissermaßen mit dem Föhn hergeweht aus alter Zeit. Man spricht von Märchen und Sagen und entwertet damit unbewusst, was die Menschen des einfachen Volkes in der Zeit vor der Elektrifizierung erfuhren. Denn da, wo das Dunkel herrscht, da sind die Menschen furchtsam, wenn es nachts wispert und weht. Die Sagengestalten sind bildgewordene Furcht und Ehrfurcht.

Könnte man sagen, Ihr Stück handelt vom Einbruch des Archaischen, Heidnischen in unsere Gegenwart?

Halleluja, Sie haben es genau getroffen! Ich gehöre ja zu denen, die mit bösen Worten die vulgären Aufklärer belegen. Es war mir eine Freude, die alten Herrinnen und Herren Münchens herbeiwehen zu lassen, die Sagengestalten, die man als Spuk abgetan hat. Das ist auch eine Abrechnung mit der schäbigen Gegenwart, dem Chichi, den Knallköpfen, die man heute in München trifft. Ich sehe München als amerikanisierte Stadt, und das ist immer schlecht, wenn der amerikanische Mülldiscount einzieht, dann verliert die Stadt ihren Charakter.

Spricht da ein verletzter Liebhaber?

München ist die Stadt, in der ich meine bewusste Kindheit verbracht habe und die ich sehr liebe. Bayern und München: da geht für mich die Sonne auf. Wenn andere auf die Idee kommen, über Bayern zu motzen, dann werde ich grantig.

Trotzdem leben Sie seit langem in Kiel...

Seit 26 Jahren. Ja, das ist seltsam. Mir wurde damals hier ein Medizinstudienplatz von der ZVS zugewiesen, und inzwischen ist Kiel wirklich meine Heimatstadt.

Im Stück kommen Figuren vor wie etwa ein bayerischer Koch – gibt es da reale Vorbilder?

Es würde mich freuen, wenn die Leute sagen würden: „Meint er da vielleicht den...?“ – auch wenn ich diese Figur erstunken und erlogen habe. Ich habe natürlich keinen bewusst gemeint, sondern eine idealtypische Gestalt gezeichnet. Denn ich finde es grotesk, dass Köche plötzlich als Künstler oder Popstars gehandelt werden. Ein Koch ist ein Koch.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit Ihrem Co-Autor Günter Senkel vorstellen?

Er ist für Struktur zuständig, ich für die Sprache, für die Effekte, für die Dichtung.

Diesmal erinnert Ihr Stil fast an Zaubersprüche...

Ich würde es als magisches Rufen und Raunen bezeichnen. Ja, ich mag das. Ich finde es sehr schade, dass man in der deutschen Literatur mit diesen wunderbaren Traditionen gebrochen hat. Nun ist aber die deutsche Sprache so herrlich und wirkmächtig, dass es mir überhaupt nicht einfiele, auf diesen Schatz zu verzichten, den sie birgt. So wie ich etwa alte Bauernregeln liebe, liebe ich auch diese magische Sprache, dieses Raunen und Rufen. Es ist natürlich eine Kunstsprache, die ich da erfinde, aber ich versuche damit, im Hellen wie im Dunkeln, das romantische Ausdrucksgefühl einzufangen. Auf diese schöne alte deutsche Sprachtradition möchte ich nicht verzichten.

Das Gespräch führte Alexander Altmann

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