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Sie bringen mit ihrer Arbeit ausgestorbene Wörter ins öffentliche Bewusstsein zurück: Die beiden Münchner Elke Richly und Manuel Boecker haben gemeinsam mit dem Kölner Medienkünstler Peter Schulte „ReWört“ ins Leben gerufen – gegen den Stumpfsinn unserer Zeit, die Sprache als Nutzgegenstand begreift. „Droschke“ stammt übrigens vom russischen „Droki“, einer Kutsche oder einem Schlitten.

Magnifik: Projekt bringt ausgestorbene Wörter auf Klamotten

München - Wörter, die heute niemand mehr benutzt, haben es einem Trio aus zwei Münchnern und einem Kölner angetan: Sie bringen die ausgestorbenen Begriffe jetzt modisch unter die Leute.

Wörter auf Textilien – das ist im Grunde nichts Neues. Im Gegenteil. Gerade zur Sommerzeit lässt sich der Anblick leidlich kreativer T-Shirt-Aufdrucke kaum vermeiden. Die „I love New York“-Fraktion wächst ebenso rasch wie die der „Biest“-, „Heul doch“- oder „Arschbombenkönig“-Träger. Dabei sind die Grenzen zwischen bemüht humorvoll und auffallend geistlos fließend.

"Re-Wört": Die Rettung totgeglaubter Wörter

"Re-Wört": Die Rettung totgeglaubter Wörter

Genau das bemerkten auch die beiden Münchner Elke Richly und Manuel Boecker sowie Peter Schulte aus Köln. Und sie wagten ein Gedankenexperiment. Was, wenn unter den visuell-textilen Gewalttaten plötzlich ein Wort wie „Muhme“ auftauchte? Das würde doch irritieren – Muhme. Man könnte nicht anders, als den irgendwie angestaubt klingenden Schriftzug zu lesen. Dann ein zweites Mal. Schließlich ein Gedanke: Im „Faust“ sagt Mephistopheles in Anspielung auf den biblischen Sündenfall „meine Muhme, die berühmte Schlange“.

Die Muhme eine Schlange? Nicht ganz, aber fast. Spätestens das Nachschlagen im Duden brächte die Lösung: Es handelt sich um ein veraltetes Wort für Tante. Völlig aus der Mode, ungebräuchlich. Aber eben doch in Umlauf, und zwar als Schriftzug auf Kleidung.

Mitte März wurde aus der Idee ein Projekt mit dem Titel „ReWört“. Das Programm: die Rettung tot geglaubter Wörter mittels Mode. Klingt ambitioniert – und so ist es auch gemeint. „Das Schöne ist“, meint Elke Richly, hauptberuflich Dramaturgin, „dass beim Betrachter sofort etwas in Gang gesetzt wird. Ein Entschlüsselungsprozess.“ Und gleichzeitig völlig unwillkürlich eine Beschäftigung mit Sprache. Das ist nicht nur T-Shirt-Druck, das ist raffinierte, spielerische Wortkunst – gegen den Stumpfsinn einer Zeit, die Sprache häufig nur als Nutzgegenstand begreift. Bei all dem bauen die drei Initiatoren auf Interesse und Engagement der potenziellen Shirt-Träger.

Ihre Online-Plattform www.rewört.de dient nämlich nicht nur als Shop für fertige Produkte, sondern auch als Kreativpool. Jeder kann zur Erweiterung des verlorenen Wortschatzes beitragen. Das „ReWört“-Team geht dann den Vorschlägen nach und erläutert sie sogar durch kurze Texte auf seiner Homepage. Dieses Konzept scheint der Internet-Gemeinde zu gefallen – die Wortvorschläge mehren sich stetig: Hagestolz, Fabulant, Leibrock. Oder auch der Hackepeter. „Das ist jetzt das Lieblingswort vom Peter“, scherzen Richly und ihr Kollege Boecker und meinen den Dritten im Bunde, Peter Schulte.

Der Medienkünstler sitzt in Köln und sorgt dafür, dass ein Begriff wie „Hechtsuppe“ seinem Namen auch optisch alle Ehre macht. Er ist die Design-Abteilung und zuständig für das Spiel mit der Grafik. Denn bei aller Sprachbegeisterung soll das Projekt mit Elke Richlys Worten vor allem eines bieten: „schöne Wortmode“. Da ist es doch gut, dass sich ein Sinn für Ästhetik und Engagement nicht ausschließen müssen.

Denn wer ein „ReWört“-Kleidungsstück ersteht, wird nicht nur zum Kulturbotschafter, sondern auch zum Kunstsponsor. Die Einnahmen sollen direkt in weitere (Wort-)Kunstprojekte fließen und so einen kreativen Bereich schaffen, der unabhängig von öffentlicher Förderung existieren kann. Manuel Boecker nennt das zuversichtlich sein „Perpetuum mobile der Kulturszene“ – ob er Recht behält, muss sich zeigen. Es wäre zu wünschen, denn selten wird so ungezwungen und dennoch bewusst mit dem Thema Sprache verfahren wie hier. Ein nachgerade magnifikes Projekt!

Marcus Mäckler

Und so retten Sie verlorene Wörter:

Unter der Internet-Adresse www.rewört.de finden sich die Links „Shop“ und „Kreativ-Kontor“. Im „Shop“ gibt es fertige Produkte (T-Shirts, Sweat-Shirts oder Taschen), die durch einfachen Klick erworben werden können (Kosten: zwischen 14,90 und 39,90 Euro). Interessanter ist der „Kreativ-Kontor“. Denn hier besteht für jeden die Möglichkeit, das Kleidungsstück individuell nach Farbe, Form und Aufdruck zusammenzustellen.

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