Mahler mit Berios Ohren

- Mehr als 30 religiöse Hymnen hat der Amerikaner Charles Ives in seiner vierten Symphonie verarbeitet. Mal als explizites Zitat, mal als kunstvolle Variation schichtete er hier unterschiedlichste Motive übereinander und schuf eine ebenso dichte wie komplexe Komposition, die höchste Anforderungen an Dirigent und Orchester stellt. In Peter Eötvös - selbst als Komponist erfolgreich - hat dieses Werk im Gasteig einen idealen Interpreten gefunden. Mit Eötvös steht am Pult der Münchner Philharmoniker ein Meister seines Fachs, der das Orchester, das zum Teil auch im Publikum postiert ist, jederzeit unter Kontrolle hat.

Gemeinsam mit seinem Ko-Dirigenten Maxim Heller gelingt ihm das Kunststück, die verschiedenen Gruppen gegeneinander und doch miteinander musizieren zu lassen und dabei selbst in den eruptiven Ausbrüchen des zweiten Satzes einzelne Motive klar herauszuarbeiten. Als zusätzliche Klangfarbe wurde von Ives die menschliche Stimme ins Orchester eingebunden, in diesem Fall gesungen von den London Voices. Wobei sich die elektronische Verstärkung als problematisch erwies. Denn trotz Mikrophon gerieten die Stimmen allzu sehr in den Hintergrund und wirkten in den Wogen des Orchesters verloren.<BR><BR>Bessere Karten hatten die London Voices bei Luciano Berios "Sinfonia für acht Stimmen und Orchester", einer Hommage an Gustav Mahler, dessen Musik wir hier gleichermaßen mit den Ohren Berios hören. Über seine Collage mit Motiven aus Mahlers zweiten Symphonie legt der Komponist einzelne Textfragmente, mit denen er vom leisen Flüstern über kunstvolle Vokalisen bis hin zum Schrei sämtliche Aspekte der menschlichen Stimme auslotet.<BR><BR>Hier haben nun endlich auch die London Voices Gelegenheit, alle Facetten ihres Könnens zu zeigen. Sicher keine leichte Kost für das Publikum - aber dank Eötvös leidenschaftlichem Einsatz eine lohnende Begegnung mit zwei selten zu hörenden Werken.<P><BR> </P>

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