"Mal eine Portion Schokolade - das war's"

- Dass ein Neuseeländer den Sprung in die internationale Gesangsszene schafft, ist die Ausnahme - und nur im Falle von Kiri Te Kanawa bekannt. Doch Jonathan Lemalu gelang das Kunststück. Der heute 29-Jährige verließ seine Heimat, um in London zu studieren. Der Bassbariton ist mit einer Stimme von außerordentlicher Qualität und Schönheit gesegnet, an der Bayerischen Staatsoper hat er das in Liederabenden und als Mozarts Figaro unter Beweis gestellt. Bei den Festspielen ist Lemalu in der Titelpartie von Händels "Saul" zu erleben, nächste Vorstellung ist heute.

Wie ist es um das Musik- und Opernleben in Neuseeland bestellt?Lemalu: Mit der Szene in Europa, vor allem in Deutschland, ist es nicht zu vergleichen, was den Musikunterricht, das Wissen, auch Strukturen betrifft. Neuseeland hat zwei Operntruppen, die drei oder vier Produktionen pro Jahr herausbringen. Das heißt, für vollberufliche Sänger gibt es wenige Auftrittsmöglichkeiten. Als Kind kannte ich nur die drei Tenöre und Fischer-Dieskau. In Deutschland steht Musik im Zentrum der Aufmerksamkeit, in Neuseeland ist das Rugby. Wobei ich natürlich Rugby-Fan bin.War es also für Sie ein harter Weg zum Sängerberuf?Lemalu: Schon. Singen gilt dort als Hobby. Es ist nichts Seriöses. Ich war auch viel in Chören aktiv, wobei es dort keine bezahlten Sänger gibt. Ich hatte fünf Einsätze pro Woche, und das 15 Jahre lang. Mal eine Portion Schokolade zu Weihnachten, das war's. 1999 ging ich nach London, um dort zu studieren. Ich wusste: Ein vokales Potenzial ist da, ich fühlte mich gut auf der Bühne, aber ich hatte noch viel zu lernen.Sie haben aber zuerst einen Jura-Abschluss gemacht. Dachten Sie damals nicht an eine Gesangskarriere?Lemalu: Ich glaubte erst nicht, dass man damit Geld verdienen könnte. Viele neuseeländische Sänger haben zusätzlich "richtige" Berufe. Und genauso dachten auch meine Eltern.Warum gingen Sie nach London, nicht zum Beispiel nach Amerika? Von Neuseeland aus ist doch alles eine Weltreise.Lemalu: Amerika ist ein Land, das nie in Frage kam, wo ich vielleicht aufgrund des Lebensstils auch nicht hinpasse. Diese Häppchenkultur . . . Na ja. Dass ich nach England ging, hing mit der Ausbildung zusammen, auch mit meiner erfolgreichen Teilnahme an Gesangswettbewerben. Und natürlich mit der Möglichkeit, von berühmten Sängern wie Thomas Allen oder Bryn Terfel zu lernen, indem man sie live erlebt. In ein fremdsprachiges Land wollte ich nicht, weil ich in anderen Sprachräumen immer ein wenig nervös bin.Und wie sieht es mit Ihrem Deutsch aus? Sie singen Lieder von Schubert, Schumann . . .Lemalu: Deutsch ist meine liebste europäische Sprache, auch wegen dieser Komponisten. Seit vergangenem Jahr nehme ich Unterricht. Für mich ist immer am wichtigsten, wie ich die richtige Verbindung von Text und Musik herstelle. Der erste große Zyklus, den ich gesungen habe, war Schuberts "Winterreise". Das Dümmste, was ich tun konnte. Aber mich interessierte einfach diese dunkle Geschichte. Außerdem: Deutsch ist am gesündesten für meine Stimme.Das ist seltsam. Die meisten Sänger schwören auf Italienisch.Lemalu: Ja. Aber zum Beispiel Französisch passt nicht zu meinem neuseeländischen Akzent, bei Italienisch ist das ähnlich. Vielleicht zieht mich auch der Kulturkreis an. Ich habe ein ganz gutes deutsches Vokabular, kann es aber noch nicht richtig aneinanderreihen (lacht). Und besonders schwierig wird es, wenn man dauernd mit der altertümlichen Lied-Sprache arbeitet: Im täglichen Leben hilft die ja nicht gerade weiter.Und Wagner? Ist der gesund für Ihre Stimme? Auf Ihrer CD singen Sie einen beeindruckenden "Holländer"-Monolog.Lemalu: Ein kalkuliertes Risiko. Nach der Aufnahme des Stücks war ich fix und fertig. Eugen Onegin darf nach seiner Arie von der Bühne und Wasser trinken, aber für den Holländer geht es nach dem Monolog erst richtig los! Es gibt viele Leute, die sagen: Sing' Wagner erst, wenn Du 40 bist. Ich denke, ich tu's, wenn es passt. Die kompletten Partien sicher noch nicht jetzt - auch wenn der neuseeländische Wagner-Verband einen Wotan von mir will. Die größten Wagner-Stars sangen ihre Partien wie ein Lied, das möchte ich erreichen.Liederabende oder deutsche Opernpartien in Deutschland: Da muss Ihr Herz heftig klopfen.Lemalu: Natürlich. Aber das spornt an. Viele kennen die Liedtexte, können Papagenos Scherze auswendig. In England ist das anders. Da habe ich in Glyndebourne Papageno gesungen, wir hatten sogar Deutschlehrer. Und wenn ich die Pointe in der Aufführung brachte? Da lacht nur einer in Reihe 20, ein anderer im Rang.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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