+
Zurück zum Anfang: Malakoff Kowalski am Wurlitzer seiner Kindheit, an dem er „My First Piano“ einspielte.

Filmmusik für Klaus Lemke und „My First Piano“: Malakoff Kowalski im Interview

Malakoff Kowalski und die Macht der Stille

  • schließen

Wer sich fürs Kino abseits des Mainstream interessiert, kennt natürlich Arbeiten von Malakoff Kowalski. Jetzt hat der 39-Jährige sein Soloalbum „My First Piano“ vorgelegt.  Wir sprachen mit dem Musiker.  

Seit „Dancing with Devils“ (2009) schreibt Malakoff Kowalski die Soundtracks zu den Filmen der Münchner Regie-Legende Klaus Lemke. Spannende Grenzgänge sind auch die eigenen Projekte des 39-Jährigen. 2009 hat er solo mit „Neue deutsche Reiselieder“ debütiert – gerade erschien „My first Piano“, eine Platte mit so ruhigen wie intensiven Klavierstücken. Am 12. Dezember stellt Kowalski das Album in München vor, wir sprachen vorab mit ihm.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrem ersten Klavier?

Malakoff Kowalski: Dieses Wurlitzer-Klavier ist wahrscheinlich meine älteste Erinnerung überhaupt. Ich kann mich kaum an etwas aus meiner frühesten Kindheit besser erinnern als an das braune Holz, diese merkwürdigen ungewöhnlichen Schalllöcher, den Hocker, den mein Vater selbst gebaut hat, und natürlich an das Spiel meiner Mutter. Es war unser erstes Klavier, nachdem wir aus Boston nach Hamburg kamen. Auf dem Foto des Album-Covers bin ich ein Jahr alt.

Warum war es Ihnen wichtig, die Platte an Ihrem ersten Klavier einzuspielen?

Kowalski: Ich wollte ein Klavieralbum aufnehmen, das Material deutete sich an. Was fehlte, war das richtige Instrument. Mein eigenes Klavier damals war für Filmmusiken ausgelegt. Jedes Klavier hat eine eigene Klangwelt und fühlt sich an wie kein zweites. Ich machte mich auf die Suche und holte mein Baby-Klavier nach 30 Jahren zurück zu mir nach Hause. In der Hoffnung, dass etwas passieren würde. So eine Art Voodoo. Ich hatte Glück, und es wurde ein ganzes Album daraus.

Ihre Mutter ist Pianistin. Was haben Sie von ihr gelernt?

Kowalski: Ich liebe nichts so sehr wie Klaviermusik. Barock, klassisch, romantisch. Das hat natürlich damit zu tun, dass ich meine ganze Kindheit unterm Klavierhocker meiner Mutter, später dann unter ihren Flügeln verbracht habe. Mit den Wörtern Bechstein, Steinway, Bösendorfer, Wurlitzer verbinde ich sehr viel mehr als mit den Gebrüdern Grimm zum Beispiel. Meine Mutter hat in den Sechzigern in Paris bei einer Schülerin von Alfred Cortot studiert. Cortot ging es immer nur um die Magie in der Musik. Um eine absolut subjektive, empfindsame Art, Klavier zu spielen. Konventionen waren ihm gleich. Er war fast ein Punk. Mir ist dieses Denken sehr vertraut. Obwohl ich alles andere als ein Punk bin.

Ihr Geburtsname lautet Aram Pirmoradi. Aram bedeutet aus dem Persischen übersetzt so viel wie „der Ruhige“. Ist es vermessen, das auch das Motto Ihres Albums zu nennen?

Kowalski: Darüber habe ich nie nachgedacht, aber es ist wahr: Meine Musik nähert sich mit diesem Album meinem echten Namen Aram an. Die leisen, verschwindenden Töne und die Stille dazwischen sind mir am nächsten.

Ihre Solo-Arbeiten klingen immer reduzierter. Ist es Ihr Ziel, durch Reduktion den Ausdruck der Musik zu maximieren?

Kowalski: Mit nur wenigen Tönen sehr viel zu erzählen, das ist etwas, das mich sehr interessiert. Allerdings nicht aus einem Konzept heraus, sondern weil mich das oft am meisten berührt. Nehmen wir Bachs „Wohltemperiertes Klavier“: Es sind selten die schnellen, aufbrausenden Präludien und Fugen, die etwas in mir bewegen. Alles Langsame, wenn sich Ton an Ton reiht und jeder Akkord endlosen Raum hat – das sind die Momente, in denen ich Neues erfahre. In der Musik, über mich, über alles. Klar brauche ich manchmal den Stress und das laute Temperament von Brahms-Sinfonien oder Beethoven-Sonaten. Ich liebe auch die White Stripes und Led Zeppelin. Aber der „Oktober“ von Tschaikowsky? So etwas Schönes steht über allem.

Ihre Eltern haben Ende der Siebziger, kurz vor Ihrer Geburt, den Iran verlassen. Verfolgen Sie heute, was dort geschieht?

Kowalski: Es ist grauenhaft, natürlich verfolge ich das. Leider sind die Dinge nicht nur dort ein Albtraum. In den USA, wo ich mich genauso zuhause fühle wie in Deutschland, regiert ein Wahnsinniger. Dieser unheimliche Drang zu Autokraten – egal, wohin man schaut – ist zum Fürchten. Zwischen Berlin und München sah die Welt auch schon sortierter und besonnener aus. Am Klavier vergesse ich das alles.

Geboren sind Sie 1979 in Boston, im selben Jahr zog Ihre Familie nach Hamburg. Heute leben Sie in Berlin...

Kowalski: Ich bin verrückt nach Amerika. Meine Sommerferien habe ich als Kind immer bei meiner Familie in Chicago verbracht. Ich denke mindestens einmal am Tag daran, dass ich Amerika vermisse. Ich bin Amerikaner und gleichzeitig keiner. Ich spreche keine Sprache so gut wie Deutsch, ich kenne kein Land so gut wie Deutschland, ein Leben ohne die großen Komponisten von Bach bis Mahler ist undenkbar. Ich liebe Grünkohl und Bratkartoffeln. Ich bin Deutscher, aber eben zugleich keiner. Und ich koche persisch wie eine echte Großmutter. Doch auch unter Persern bin ich ein Fremder. In der Musik ist das alles eins. Wahrscheinlich fühle ich mich auch nur dort wirklich zuhause.

Sie komponieren fürs Theater, aber auch die Filmmusiken für Klaus Lemke. Was reizt Sie an dieser Arbeit?

Kowalski: In Film- und Bühnenmusiken kann ich Dinge machen, die ich auf meinen Platten niemals veröffentlichen würde: Genres spielen keine Rolle; ästhetisch ist alles offen. Vor allem in die Gedankenkreise der Regisseure vorzudringen, ist ein irre antreibender Prozess. Ich bin im Studio immer allein, diskutiere meine Solomusik mit niemandem. Die Idee, mit einer Band oder anderen Musikern Entscheidungen zu treffen, ist für mich unvorstellbar. Diesen Ego-Tunnel immer mal wieder zu verlassen und mit Regisseuren auf neue Musik zu kommen, ist sehr erfrischend.

Lemke-Filme klingen ganz anders als „My First Piano“. In welcher Musik steckt mehr Kraft?

Kowalski: Lemke-Filme haben genau ein Ziel, das hatten sie schon immer, ob in dem zauberhaften „Sylvie“-Film aus den Siebzigern oder in seinen Berlin- und Schwabing-Streifen von heute: berühren, bewegen, überraschen. Dass es in der Musik auch immer nur darum geht, habe ich erst durch Lemke gelernt und verstanden. Die Mittel, das Handwerk, die Technik: alles nur dafür da, zu berühren und etwas zu erzählen, das wirkt – auch auf einen selbst.

Informationen:

Malakoff Kowalski: „My first Piano“ (MPS).

Konzerthinweis: 

Malakoff Kowalski spielt am 12. Dezember 2018 um 20 Uhr im Münchner Gasteig; Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gute Bücher zu Weihnachten verschenken: Empfehlungen unserer Redaktion
Manche behaupten, ein Buch sei ein einfallsloses Weihnachtsgeschenk. Stimmt nicht. Unsere Redakteure haben bezaubernde, starke, mutige Bücher gelesen, die auf eine …
Gute Bücher zu Weihnachten verschenken: Empfehlungen unserer Redaktion
Tiroler Festspiele in Erl: Vorletzte Runde der alten Zeitrechnung
Gustav Kuhn ist weg, dafür gibt‘s Promi-Ersatz: Die Tiroler Festspiele stehen vor dem Winter-Durchgang und vor einem Neubeginn.
Tiroler Festspiele in Erl: Vorletzte Runde der alten Zeitrechnung
Night of the Proms: So schön laut kann die stade Zeit sein
Ein Vierteljahrhundert „Night of the Proms“ im Münchner Olympiastadion: Die Kultur-Kritik unseres Redakteurs Jörg Heinrich, der bei der Premiere 2018 vor Ort war.
Night of the Proms: So schön laut kann die stade Zeit sein
Auf einmal stand ein weiterer Star auf der Bühne! Überraschungsgast taucht bei Pur-Konzert in München auf
Die Kult-Band Pur rund um Front-Mann Hartmut Engler war am Mittwoch in der Münchner Olympiahalle zu Gast. Mit dabei hatten sie einen Überraschungsgast.
Auf einmal stand ein weiterer Star auf der Bühne! Überraschungsgast taucht bei Pur-Konzert in München auf

Kommentare