Mama und Mord

- Endlich Nachwuchs. Mama ist zwar schon 39, die Geburt dementsprechend heftig. Doch Arnold mausert sich zum musischen Wunderkind - bis auf diese seltsame Behinderung, die seine Mutter gern für kurze Ausflüge nutzt . . . Eine andere Geschichte berichtet von Holgers Tagebuch. Von ersten sexuellen Erlebnissen über Schulängste bis zum Laptop-Wunsch wird diesem alles anvertraut - wohl wissend, dass Mama die Zeilen heimlich liest. Sie und Sohnemann treten so in mittelbaren Kontakt zueinander. Doch da geschieht ein Mord, der mit den Eintragungen zu tun hat . . .

<P>Ganz harmlos beginnen Ingrid Nolls Erzählungen. Wie absichtslos schleicht sie sich in die Handlung, spielt dabei mit den Stereotypen von heiler Welt oder Familienidyll, verliert hier und dort kleine "störende" Hinweise, bevor das Geschehen endgültig ins Abstruse kippt. Die Tagebuch-Story "Falsche Zungen" ist dafür ein gutes Beispiel, zugleich titelgebend für Ingrid Nolls Buch.<BR><BR>Nur vier Erzählungen darin sind brandneu, der kleine Band vereint Werke der letzten zehn Jahre, die in verschiedenen Zeitungen oder Zeitschriften erschienen sind. Also "nur" Aufgewärmtes? Naserümpfen wäre hier unangebracht: Ingrid Nolls surrealistische, aberwitzige, herrlich schwarzhumorige Texte sind einfach zu schade für solch kurzlebige Medien.<BR><BR>Zwischendurch plaudert sie auch einmal aus "Nolls Nähkästchen", verrät von ihrer Kindheit in China oder familiären Gepflogenheiten der Gegenwart. Doch das autobiografische Intermezzo gerät fast zu betulich, passt auch gar nicht zu einer Autorin, die Heimeliges an Haus und Herd kunstvoll und überraschend in den Krimi oder Psychothriller, meist mit blutigen Begleiterscheinungen, steuert. Und dabei überraschende, höchst amüsante Resultate erzielt. "Hat Ihr Mann Angst vor Ihnen?", sei sie oft auf Lesungen gefragt worden - merkwürdig nur, dass die Frage unbeantwortet bleibt.</P><P>Ingrid Noll: "Falsche Zungen". <BR>Diogenes Verlag, Zürich, 252 Seiten; 17,90 Euro.</P><P> </P>

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