Mamas Schimpf-Salven

- Lebkuchen, Knusperhexe und ein trautes Geschwisterpaar: Es waren einmal die mutige Gretel und der listige Hänsel, die besiegten das Böse und vertrauten auf das Gute. Ein Weihnachtsmärchen, am Ofen zu erzählen, gruselig und heimelig zugleich. Aber Weihnachten steht noch nicht vor der Tür, und Regisseur Peer Boysen, der das Märchen der Brüder Grimm an der Münchner Schauburg inszenierte, beginnt nicht mit "Es war einmal".

Keine modernisierte, sondern eine einfache, alte Geschichte will er erzählen. Wolfgang Wiens` Bühnentextfassung gab die Richtung vor: Das gewitzt gereimte Gedicht bekennt sich zu seiner Altertümlichkeit. Und so lässt Boysen die Figuren den Illustrationen eines Märchenbuchs entspringen: eine über ihre Staffelei gebeugte, malende Mutter (Sabrina Khalil) in eifersüchtig gelber Robe. Ein schäbiger Vater (Armin Schlagwein), der mit Sieben-Meilen-Schritten über die Drehbühne stelzt. Eine Gretel (Berit Menze), die Sterntaler-gleich im dünnen Hemdchen Beeren sammelt. Und als Matrose der fidele Hänsel Klaus Haderers, der bei aller Märchenbosheit immer wieder zum Lachen reizt. <BR><BR>Nur die bucklige Bilderbuchhexe gibt es nicht: Als indifferente Fee gewinnt Corinna Beilharz das Vertrauen der Kinder. Das ist inkonsequent, weil Boysen sonst auf eine Psychologisierung verzichtet. Spieldosen-Figürchen sind diese einfachen Charaktere, die auf den Ringen der Drehbühne umeinander kreisen und unnatürlich puppenhaft posieren. Lucie Muhr singt und drehorgelt dazu: kluge Moritaten und Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn" - und schon wird aus dem märchenhaft erzieherischen Tonfall ein lehrstückhaft aufklärerischer. <BR><BR>So stilisiert das Ensemble spielt, so geschliffen und gestisch spricht es die lockeren Reime. Allen voran die kraftstrotzende Sabrina Khalil mit den Schimpf-Salven der Mutter. Nur die beschwörenden Hexenszenen können mit dieser aufs Wesentliche reduzierten Bilderbuch-Künstlichkeit nicht mithalten. Und so sind es die Familienszenen mit ihrem leicht staubigen Charme, die in dieser Inszenierung glänzen. Ende gut, aber sonst auch nichts: Lapidar bekennt sich der Vater zwar zu seiner Schuld und Schwäche, aber ob er künftig ein Besserer ist?<BR>

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