+
„Ein Ort für große Namen und Anfänger“ soll das Literaturhaus sein, sagt Chef Reinhard Wittmann.

Literaturhaus: „Man braucht einen langen Atem“

München - Jubiläum am Münchner Salvatorplatz: Das Münchner Literaturhaus wird heuer 15 Jahre alt – Chef Reinhard Wittmann zieht im Merkur-Interview Bilanz.

Das Literaturhaus feiert heuer sein 15-jähriges Bestehen. Zeit für ein Gespräch mit dem Chef der Institution, Reinhard Wittmann. Im Interview erzählt er von Fehlern, Erfolgen – und verrät sein kuriosestes Erlebnis im Literaturhaus.

Seit 15 Jahren besteht das Münchner Literaturhaus nun. Da darf man durchaus Bilanz ziehen...

Ich bin eigentlich nicht jemand, der gern Rückschau hält. Aber das Datum bietet sich natürlich an. Wir machen rund 150 Veranstaltungen und drei bis vier Ausstellungen im Jahr, in 15 Jahren kommt da eine ganze Menge zusammen. Interessant sind vielleicht ein paar Zahlen: 1998 kamen 18 000 Besucher zu unseren Veranstaltungen und Ausstellungen ins Literaturhaus, in diesem Jahr werden es an die 50 000 Besucher sein – auch dank der Gerhard-Polt-Ausstellung. Diese Steigerung ist natürlich ein klares Zeichen für die Akzeptanz unserer Institution. Und auch über die Medienresonanz können wir uns nicht beklagen.

Als der Münchner Stadtrat beschloss, das Literaturhaus am Salvatorplatz ins Leben zu rufen, gab es in etwa gleich viele Befürworter wie Gegner. Wie sieht das Verhältnis heute aus?

Es war von Anfang an meine Politik, mit den bestehenden literarischen Einrichtungen zusammenzuarbeiten. Wir haben gleich eine enge Kooperation zu den Buchhandlungen gesucht, die bei uns sowohl Büchertische als auch eigene Veranstaltungen machen. Wir arbeiten mit literarischen Vereinen zusammen, etwa dem Tukan-Kreis, der Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft oder dem Thomas-Mann-Forum München, dann mit den verschiedenen Ländervertretungen und dem Goethe-Institut. Wir hatten also von Anfang an das Bestreben, gemeinsam mit den anderen den Standort München literarisch aufzuwerten.

Die Literaturhäuser in Deutschland sind ja untereinander vernetzt. Was macht aber das Besondere des Münchner Literaturhauses aus?

Das Literaturhaus im Münchner Zentrum am Salvatorplatz besteht nun seit 15 Jahren.

Natürlich kümmert sich das Münchner Literaturhaus auch besonders um bayerische Autoren. Wenn wir das Programm zusammenstellen, dann schauen wir, welche neuen Bücher es von diesen Autoren gibt. Ein ganz großer Unterschied zu anderen Literaturhäusern sind unsere Ausstellungen. Man darf nicht vergessen: Das Ausstellungspublikum macht mittlerweile die Hälfte unserer zahlenden Besucher aus! Ein drittes Merkmal ist, dass wir ja auch im Bereich Autorenförderung tätig sind. Das sind Kurse zum kreativen und literarischen Schreiben für Schüler, Studenten und für professionell Schreibende. Und dann präsentieren wir viele Sachbuchthemen, während die anderen Häuser rein an Belletristik orientiert arbeiten.

Wenn man die Zeit zurückdrehen könnte und Sie nochmals als Leiter des Münchner Literaturhauses anfingen, was würden Sie dann genau so wieder und was ganz anders machen?

Genau so wieder machen würde ich die öffentlichen Lesungen und Diskussionen, in eben dieser Breite. Bei den Ausstellungen haben wir anfangs unterschätzt, dass es etliche Jahre braucht, bis eine solche Form literarischer Präsentationen vom Publikum angenommen wird. Dass literarische Themen überhaupt ausgestellt werden und dabei nicht nur Bücher, sondern auch Bilder, Dokumente und Hintergrundinformationen zu einem Autor oder Thema gezeigt werden, ist eben ungewöhnlich. Da haben wir sehr viel ausprobieren und Erfahrungen sammeln müssen, und dann eine eigene Ausstellungsästhetik entwickelt. Was ich in all den Jahren gelernt habe, ist, dass man einen langen Atem braucht, um bestimmte Ideen durchsetzen zu können.

Der große Vortragssaal im dritten Stock wirkt nur dann, wenn die Veranstaltungen gut besucht sind. Um viel Publikum anzuziehen, braucht man aber große Schriftstellernamen. Wie kann man da jüngere, unbekanntere Autoren einbinden?

Zum einen kann das Literaturhaus München ganz unterschiedliche Räume für die Veranstaltungen nutzen. Es ist klar, dass ein Debütant, nur, weil er bei uns im Programm steht, nicht sofort das große Publikum anzieht. Da wäre der große Saal der falsche Ort. Aber zum anderen muss ja nicht nur der Raum, sondern vor allem das Konzept passen. Gerade für jüngere, noch unbekannte Autoren muss man Formate entwickeln, die das Publikum neugierig machen. Grundsätzlich gilt: Die Mischung macht’s. Wir waren von Anfang an ein Ort für die ganz großen Namen und gleichermaßen für die Anfänger. Manche Zuschauer wollen ihre „Helden“ treffen und wollen sich ihre Bücher signieren lassen, andere wollen Neuentdeckungen machen und vertrauen dann unseren Empfehlungen. Ein Literaturhaus kann all das bündeln.

Gab es je eine Veranstaltung, die extrem schräg verlaufen ist?

Ein wirklich krasses Erlebnis hatte ich, als Heino Ferch bei uns Hemingway gelesen hat. In einer Erzählung steht eine Frau knapp vor der Geburt ihres Kindes, befindet sich aber in einer abgelegenen Waldhütte. Und der Jäger muss dann bei dieser Frau den Kaiserschnitt machen – und zwar mit seinem Jagdmesser. Und in dem Moment, wo der Jäger ansetzt und Ferch ganz intensiv liest, ist uns eine Besucherin in Ohnmacht gefallen. Das ist schon eine extreme Wirkung von Literatur!

Ohne Zweifel ist das Literaturhaus fester Bestandteil des kulturellen Lebens dieser Stadt geworden. Doch wer rastet, der rostet. Was für neue Impulse soll es in naher Zukunft geben?

Wir werden die Zusammenarbeit mit Haupt-, Realschulen und Gymnasien intensivieren, da geht es ums Lesen, aber auch um das Schreiben von Literatur. Im letzten Jahr haben wir die Autoren-Akademie für Kreatives Schreiben gegründet. Da arbeiten wir mit sechs bayerischen Universitäten zusammen. Das werden wir weiterführen. Mich persönlich interessiert das Jahr 1914, der Kriegsbeginn und überhaupt die Zeit um 1900. Vieles von damals erinnert mich an unsere Zeit: Etwas liegt in der Luft, Unsicherheit und Aufbruch. Zudem bringt das literarische Jahr immer Überraschungen mit sich – auch darauf freue ich mich.

Das Gespräch führte Andreas Puff-Trojan.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Sie wurde Letzte beim ESC 2016. Doch trotzdem machte sie weiter. Doch jetzt sind die Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird.
Fans fassungslos: Jamie-Lee hat eine Mitteilung, die alles verändern wird
Maler Karl Otto Götz ist tot
Er galt als Pionier der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit: Karl Götz. Der Maler ist im Alter von 103 Jahren gestorben.
Maler Karl Otto Götz ist tot
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Zeit seines Lebens hat Jerry Lewis die Menschen zum Lachen gebracht. Diese Fähigkeit schien ihm angeboren zu sein. Dabei durchlebt auch der Komiker schwarze Stunden.
Zum Tod von Jerry Lewis: Amerikas trauriger Clown
Albträume im La-Le-Lulu-Land
Die griechische Filmemacherin Athina Rachel Tsangari hat zum ersten Mal am Theater gearbeitet und für die Salzburger Festspiele in Hallein Frank Wedekinds „Lulu“ …
Albträume im La-Le-Lulu-Land

Kommentare