„Wiener Blut“ hat am Mittwoch Premiere: Im Cuvilliéstheater, einer der Ausweichspielstätten des Gärtnerplatztheaters, singen Jasmina Sakr die Pepi Pleininger und Tilmann Unger den Balduin Graf Zedlau. Foto: Christian POGO Zach

Interview mit Gärtnerplatz-Intendant Köpplinger

„Man muss die Leute halt verführen“

München - Gärtnerplatz-Intendant Köpplinger spricht im Merkur-Interview über die Kunst, aus großen Problemen große Erfolge beim Publikum zu machen.

Schockiert wirkt der Intendant nicht – auch wenn mittlerweile klar ist: Zum 150. Geburtstag des Stammhauses, der im November 2015 gefeiert wird, kann das Gärtnerplatz-Team noch nicht zurück in die Heimat. Die Laune von Josef E. Köpplinger hat das dennoch nicht verdorben. Trotz des Dauertingelns durch die Ersatz-Spielstätten legt Münchens zweites Opernhaus schließlich eine Erfolgsserie hin, wie es sie seit Jahrzehnten nicht gab. Morgen gibt es im Cuvilliéstheater die nächste Premiere – „Wiener Blut“ in der Regie von Nicole Claudia Weber.

Wann war der Tag, an dem Sie erstmals Ihr Dauer-Exil verflucht haben?

Das habe ich tatsächlich noch nie. Doch, einmal! Und das lag an meiner Fähigkeit, ohne Navigationssystem durch München zu fahren. Aufgrund einer Umleitung landete ich im Nirgendwo und gab in mein Handy-Suchsystem „Reithalle“ ein. Dummerweise gibt es eine zweite, ich war an der falschen. Da war ich ein bisschen disparat.

Denken Sie sich trotzdem manchmal: Wo haben die mich hingeholt?

Es gibt eben bei Sanierungen Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Dass es bei uns dennoch so gut läuft, erfüllt uns mit ungeheurer Freude. Dadurch entsteht allerdings der sanfte Druck, dieses Niveau zu halten. Obwohl sich alles nach hinten verschiebt: Wir können das von der Planung her schon ausgleichen, es erfordert nur eine ziemlich Organisationsarbeit. Ich habe bei der Saisoneröffnung im Herbst meinen Mitarbeitern von einem Berliner Schul-Modell erzählt. Da werden keine Fehler rot angekreuzt, sondern da wird das Richtige grün unterstrichen. Die Lernerfolge sind enorm. Und so ähnlich halten wir es hier. Was ich an diesem Theater so liebe, ist das wunderbare Team, das auch im kritischen Miteinander funktioniert.

Das Haus hat gerade einen künstlerischen Lauf. Man könnte denken nicht „trotz“ sondern „wegen“ des Ausnahmezustandes. Vielleicht fallen Sie ja, zurückgekehrt ins Stammhaus, auf ein niedrigeres Level zurück.

Das glaube ich absolut nicht. Entscheidend ist doch: Entweder man kann die Stücke besetzen oder nicht – sei es im Falle von Solisten oder von Regisseuren. Ich gebe zu: Wir hatten zum Beispiel keine Ahnung, wie die Reithalle angenommen wird. Und plötzlich, bei „Cabaret“ etwa, hatten wir eine Riesenauslastung. Auch bei „Aida“ im Prinzregententheater.

Wie wollen Sie Ihr künftiges festes Ensemble nach dem Ausnahmezustand denn besetzen?

Wir können aufgrund des jetzigen Stagione-Prinzips ohne festes Ensemble hervorragende Solisten verpflichten, was in einem normalen Repertoirebetrieb für uns nicht möglich gewesen wäre – etwa bei „Peter Grimes“. Ganz grundsätzlich: Das Haus baut momentan auf starke Sänger und Sängerinnen. Viele Menschen kaufen sich deshalb eine Karte, weil sie die- oder denjenigen in seiner neuen Rolle erleben wollen. Wenn es nun darum geht, mit wem wir künftig das Ensemble bestreiten, dann nehme ich mir eine goldene Regel zu Herzen: Ich muss es schaffen, Mozarts „Figaro“ und seine „Zauberflöte“, wobei ich die Königin in Klammern setze, mit eigenen Kräften zu besetzen. Diese Solisten bilden dann das klassische Gärtnerplatz-Ensemble, für den Rest brauche ich Gäste.

Die Komische Oper Berlin feiert riesige Erfolge mit ihrem Unterhaltungsmusiktheater, Sie auch. Ist gerade die rechte Zeit für die leichte Muse?

Ich bin stolz darauf, dass wir mit unseren Operetten, die jahrelang eher kritisch betrachtet wurde, einen kleinen Boom ausgelöst haben. Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper, spürt das genauso, wobei er eher Revue-Operetten macht. Er weiß auch, dass die ein Ablaufdatum haben. Die klassische Operette hält länger. Für mich ist der entscheidende Ansatz, die Operette zu dem zurückzuführen, was sie vor dem Krieg war. Kein so weichgespültes, nichtssagendes Etwas, wie es in den Nachkriegsfilmen transportiert wurde. Die Operette reflektiert durchaus kritisch ihre Zeit – auch wenn man sich dabei mal Sentimentalität gestatten muss.

Geht der Trend nicht allgemein zu mehr Schauwerten, zu mehr Kulinarik auf der Bühne, weg von den Thesenschwenkern, auch wenn  man  die Inszenierungen von Opern einbezieht?

Kann sein. Ich glaube aber, dass beides geht. Das mag jetzt kitschig klingen: Manche Protagonisten der sogenannten Regietheater-Generation haben vergessen, dass man die Stücke lieben muss. Wenn ich die x-te Kopie eines Anna-Viebrock-Bühnenbildes sehe, weil das gerade en vogue ist, oder wenn die Eitelkeit größer ist als die Begabung, kann das doch nicht funktionieren. Messgrundlage für alles, nicht nur auf der Bühne, ist das Handwerk.

Verändert sich das Gärtnerplatz-Publikum – gerade durch das Exil?

Das Publikum verändert sich immer. Bei uns kommen tatsächlich andere dazu. Ob „Weißes Rössl“ oder „Bettelstudent“: Wir haben einen erstaunlich hohen Jugend-Anteil festgestellt bei, nur oberflächlich betrachtet, konventionellen Inszenierungen. Operette ist nicht mehr nur etwas für reifere Semester. Man muss die Leute halt verführen. Übrigens bin ich als Kind früher nicht freiwillig in so was gegangen, ich wurde „mitgenommen“. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Pflege des Musicals. Auch so ein Lockstoff. Und ich arbeite ständig an der Selbstverständlichkeit der Spartenmischung. Das Ballett sollte und muss in der Operette mitwirken. Ich frage mich, warum das an manchen Theatern nicht möglich sein darf.

Wenn das Haus im November 2015 nicht fertig wird: Was machen Sie dann zum 150. Geburtstag? Ein Baustellenkonzert?

Der Pressesprecher hat mir empfohlen, jetzt noch nichts zu sagen. Aber ich kann Ihnen versichern: Wir machen was Tolles.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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