„Ohne Federn am Po“, aber bunt und mitreißend kommt brasilianische Tradition auf die Bühne des Deutschen Theaters in München.

„Man muss sich einfach anstecken lassen“

Brasilianische Tradition im Deutschen Theater

München - In „Brasil brasileiro“ zeigt Altmeister Claudio Segovia den Samba jenseits aller gängigen Klischees.

Auf einmal steht der Tony-Award-Gewinner im pinken T-Shirt da. Er hat es eingetauscht gegen sein eigenes Hemd. Irgendwo im Nirgendwo von Brasilien. In einer der ärmsten, auch der gefährlichsten Gegenden. Doch das ist Claudio Segovia egal. Er denkt nur an die Show.

„Brasil brasileiro“ heißt sie und ist der Gegenentwurf zu dem Bild, das viele – nicht erst seit der Fußball-WM in diesem Jahr – von diesem riesigen Land haben. Eine Samba-Show. „Aber eben nicht halbnackte Frauen mit Federn am Po“, sagt Segovia bestimmt. Es soll kein Trallala der Klischees sein. Und genau deshalb ist Segovia, die Legende der lateinamerikanischen Show-Szene, mit seinen fast 80 Jahren quer durchs Land gereist, um die Besten der Besten zu bekommen. Die Tänzer, die den Samba – den echten, den die afrikanischen Sklaven vor 200 Jahren ins ferne Brasilien mitgebracht haben – im Blut haben, die die verschiedenen Tanzstile kennen. Auf dieser Suche hat ihn nichts abgeschreckt. „Ich wollte Talente finden. Und die findet man nicht nur an den bequemen Orten“, erzählt der Autor und Regisseur, der mit Shows wie „Tango Argentino“ oder „Black and Blue“ weltweit Erfolge feierte – vom New Yorker Broadway bis zum Londoner West End.

Der gebürtige Argentinier reiste durch Brasilien, um die verschiedenen Tanz- und Kleidungsstile der Leute zu beobachten. Das pinke Shirt, das ein junger Kerl trug, wollte er unbedingt für die Show haben. Weil der es ihm nicht verkaufen wollte, kam es kurzerhand zum Kleidertausch. Und die besten Tänzer nahm er auch gleich mit.

Ohne falsche Bescheidenheit verspricht er: Die 24 Tänzer, elf Musiker und zwei Sänger, die nun gemeinsam mit auf Welttournee gehen und vom 12. bis 17. August im Deutschen Theater in München gastieren, sind die besten des Landes.

So facettenreich der Samba-Tanz, so bunt das Ensemble. Sie kommen aus allen Regionen – von Rio bis zum Regenwald. Doch allen ist gemein: „Sie wollen ihr Land repräsentieren. Sie wollen die echte brasilianische Kultur auf der Bühne zeigen“, sagt Segovia – und die Zuschauer mit ihrer Lebensfreude anstecken. Gar nicht so leicht beim mitunter etwas krampfigen europäischen Publikum, oder? Auch da kann der erfahrene Regisseur widersprechen: Mit einer ersten Version von „Brasil brasileiro“ war er bereits in London und Paris – und die Zuschauer zeigten sich begeistert: „In London haben sie mitgetanzt. Sie waren richtig enthusiastisch.“ Nach der Show zeigten sich einige sogar etwas betrübt: „Sie wünschten, in Brasilien geboren zu sein.“

Das Erfolgsrezept lautet: Authentizität vom ersten bis zum letzten Takt. Die Tänzer sollen sich so bewegen, wie sie es von ihrer Kindheit her kennen. Segovia gibt lediglich einen groben Plan vor, innerhalb dessen die Künstler interpretieren können. Immer in Verbindung mit der Livemusik – die Musiker stehen mit auf der Bühne. Es ist das Grundrezept afrikanischer Klänge: Die Trommler trommeln, die Tänzer antworten. Die Musik gibt die Order – und die Körper reagieren. „Musik ist das Alphabet, nach dem sie schreiben – je nachdem, wie sie sich fühlen“, sagt Segovia. Das Tollste, findet er nach all den Proben, sei, sie frei tanzen zu sehen. „Sie können nicht aufhören.“ Nach der Probe tanzen sie weiter, in der Umkleidekabine, auf dem Heimweg. Viele gehen noch nach Lapa, ins Partyviertel von Rio, in einen der Clubs.  Um sich auch nach einem langen Probentag noch durch die Nacht zu schwingen.

Tänzerin Sheila Aquino ist auch immer mit dabei, wenn es ins Nachtleben geht. „Samba ist eine Leidenschaft, die wir haben, mit der wir geboren sind. Sobald du Musik hörst, musst du tanzen“, sagt sie und muss lachen: Sie hat allein vom Erzählen eine Gänsehaut bekommen. „Samba geht direkt ins Herz. Er bringt Menschen aller Länder und jeden Alters zusammen. Man muss sich einfach anstecken lassen.“

Von Katja Kraft

„Brasil brasileiro“ gastiert vom 12. bis 17. August im Deutschen Theater München; Tel. 089/ 55 23 44 44.

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