Manager ohne Moral

- Wenn es einen Menschen gibt, der den millionenfachen Mord an den europäischen Juden persönlich verkörpert, so ist dies Adolf Eichmann. Er ist der Inbegriff des einzigartigen Schreckens und zugleich der Idealtypus eines Schreibtischtäters. "Adolf Eichmann ist eine Ikone des 20. Jahrhunderts", schreibt sein Biograf David Cesarani gleich in der Einleitung, "ein Symbol des Dritten Reiches und des Völkermords an den Juden". Doch "nur wenige Männer", fährt er fort, "sind derart mythologisiert und missverstanden worden". Das Erschreckendste an Eichmann, der als Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt einer der Hauptorganisatoren des Völkermords war, ist tatsächlich seine Normalität, Glanzlosigkeit und Gewöhnlichkeit, die die Philosophin Hannah Arendt als Beobachterin des Jerusalemer Prozesses schließlich in die Formel der "Banalität des Bösen" fasste.

Das Erstaunlichste an dieser Biografie ist, dass sie die erste ist. Tatsächlich hat es bislang keine wissenschaftlich fundierte Darstellung auf dem neuesten Stand der Forschung gegeben; was sonderbar ist, auch wenn man zugesteht, dass eine eingehende Beschäftigung mit einem Massenmörder, der keinerlei Gewissensbisse kannte - "Reue ist etwas für kleine Kinder", sagte Eichmann 1957 in einem Interview -, eine sehr unangenehme Aufgabe sein kann. Der britische Historiker David Cesarani erklärt in seinem nun auf Deutsch erschienenen, im Original 2002 veröffentlichten Buch, er sehe seine Hauptaufgabe in einem "fairen" Umgang mit seinem Gegenstand und in dessen Entmythologisierung, im Aufräumen mit verbreiteten Vorurteilen.<BR><BR>Cesarani ist ein ausgewiesener Mann. Er leitet das Londoner Institute for Contemporary History. Bekannt wurde er mit einer Biografie von Arthur Koestler. Akribisch zeichnet der Historiker zunächst Eichmanns Werdegang in seiner Widersprüchlichkeit nach. Zutage tritt eine normale Kindheit in Solingen, wo er 1906 geboren wurde, und in Linz. Die verbreitete These von Eichmanns "unglücklicher" Kindheit wird hier infrage gestellt. Nichts deute "auf eine psychologische Störung" hin. In den ersten 20 Jahren seines Lebens finden sich keine Erklärungsansätze für die späteren Taten. Dass er sich früh Gruppierungen der extremen Rechten anschloss, war für einen jungen Mann seiner Zeit und Herkunft an sich noch nicht ungewöhnlich. Offenbar war es nicht Judenhass, sondern allgemeiner Rassismus und deutschnationale Gesinnung, die ihn früh zum Parteigänger der NSDAP und SS-Mitglied werden ließen. <BR><BR>Eichmanns NS-Karriere begann in der Abteilung "Gegner-Erforschung und Bekämpfung" im Reichssicherheitshauptamt, wo er zunächst mit der Unterdrückung der Freimaurer zu tun hatte. 1935 kam er in das neu geschaffene "Amt für Judenfragen", nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 wurde er Leiter der Wiener "Zentralstelle für jüdische Auswanderung". Mit Deutschlands Angriff auf Polen 1939 war Eichmann im Gefolge des Heeres leitend für Vertreibungen und Deportationen vor allem von Juden, für "ethnische Säuberungen" zuständig. 1942 nahm Eichmann an der Wannsee-Konferenz teil, wo die "Endlösung der Judenfrage", also der Völkermord, formell beschlossen wurde. Schon seit 1941 war Eichmann persönlich verantwortlich für die Deportation von über zwei Millionen Juden in Vernichtungslager. <BR><BR>1946 floh Eichmann nach Argentinien, in dem Interview, das er dort einem belgischen Neonazi gab, brüstete er sich mit seinen Taten. 1960 wurde Eichmann nach Israel entführt, 1961 nach einem Prozess zum Tode verurteilt und am 1. Juni 1962 hingerichtet. Beim Verfahren in Jerusalem verteidigte sich Eichmann, dass er persönlich nie einen Mord begangen habe, dass er nur Befehlen gehorcht hätte. "Ich habe nichts Falsches getan", meinte er noch 1962. Cesarani zerpflückt auch diesen selbst geschaffenen Mythos und weist eindeutig nach, dass Eichmann viel Eigeninitiative zeigte, dass er keineswegs nur ein williger Vollstrecker der Befehle anderer war, sondern oft selbstständig handelte. Er verließ den Schreibtisch und sicherte im Chaos der Verhältnisse während des Krieges die "Effizienz" der Mordmaschine. <BR><BR>Cesarani beschreibt den führenden "Manager des Völkermords" als einen persönlich gefühllosen, mal umgänglichen, dann wieder zynischen Mann, der in vielem dem Ideal eines modernen Produktionsmanagers entspricht. Eichmann ist also nicht allein eine historische Figur. Der Normalmensch, der wie ein Monster handelte, spiegelt sich in den Völkermördern der Gegenwart ebenso wie er uns das Erschrecken vor eigenen, vermeintlich rein positiven Leitvorstellungen wie Ordnung, Gehorsam, Verantwortung und Effizienz lehren kann. Cesaranis Fazit: "Der Schlüssel zum Verständnis des Handelns von Adolf Eichmann liegt nicht in seiner Person, sondern in den Ideen, von denen er besessen war, in der Gesellschaft, in der sie verbreitet waren, in dem politischen System, das sie aufgriff, und in den Umständen, die sie akzeptabel machten." <P>David Cesarani: "Adolf Eichmann. Bürokrat und Massenmörder". <BR>Propyläen Verlag, Berlin, 606 Seiten; 26 Euro.<BR></P>

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