Manch Hochkaräter unter Falschgold

München - Sie sind fertig. Münchens Sprechtheater haben die Premieren dieser Spielzeit hinter sich. Bis zum Ende des Monats wird Repertoire gespielt, dann sind Theaterferien. Was aber boten Bayerisches Staatsschauspiel, Münchner Kammerspiele und das Münchner Volkstheater ihrem Publikum?

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber im Fall des Münchner Cuvilliés-Theaters gilt das nicht. Was im wiedereröffneten und rundum sanierten Haus - dem Hauptstück der Saison 2007/ 08 - golden glänzt, ist tatsächlich reines Blattgold. Und auch was das Bayerische Staatsschauspiel als erste Produktion dort präsentierte, war eine zu Recht strahlende Premiere: "Idomeneus" von Roland Schimmelpfennig. Mit dieser Uraufführung, die als Antwort auf die Eröffnungsoper "Idomeneo" verstanden werden will, nahm Dieter Dorns Ensemble dieses spektakuläre Haus in Besitz. Ganz auf die Sprache konzentriert, lässt es in formaler Strenge Figuren und Geschichten im leeren Raum entstehen. Ein programmatischer Saison-Schlusspunkt. Oder, wenn man so will, ein Zeichen setzender Auftakt für die kommende Spielzeit.

Bleiben wir aber bei der jetzt ausklingenden. Von München-Besuchern gefragt, was man denn bitteschön empfehlen würde, sich im Schauspiel anzuschauen, gibt es, ohne lange überlegen zu müssen, eine klare Antwort: "Der Gott des Gemetzels" und "Am Ziel" im Residenztheater, "Don Karlos" im Volkstheater, "Mamma Medea", "Hiob", "Troilus und Cressida" an den Kammerspielen. Und alles andere? Manches davon ist getrost zu vernachlässigen, anderes darf so schnell wie möglich vergessen werden, und einiges ist auch richtig ärgerlich.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt - das trifft auf Shakespeares "Sturm" zu, so wie ihn Stefan Pucher für die Kammerspiele in Szene gesetzt hat. Eine vielfach gefeierte Aufführung. Bei genauer Betrachtung aber ist sie nichts weiter als eine Inszenierung, die allzu kalkuliert und auf Wirkung bedacht irgendeinem Zeitgeist hinterhechelt; ausgestattet mit allem, was das aktuell modische Bühnenambiente so hergibt. Eine schrill-bunte, Bedeutung vorgaukelnde Oberfläche, doch nichts dahinter.

An Wirkung hatte Jossi Wieler weniger gedacht, als er für die Kammerspiele Sophokles' "Ödipus auf Kolonos" auf die Bühne brachte. In schöner, schlichter Strenge; aber so selbstgenügsam, dass diese Produktion fast schon aus der Erinnerung gefallen ist. Dagegen ist "Troilus und Cressida" äußerst unterhaltsam: viel Luk Perceval (Regie), wenig Shakespeare; insgesamt aber sehr stimmig.

Mit den Klassikern hatten es unsere Bühnen heuer überhaupt ziemlich schwer. Am erfreulichsten war der bereits eingangs erwähnte Schillersche "Don Karlos", von Christian Stückl fürs Volkstheater aufbereitet. Mit Sturm-und Drang-Feuer und jugendlicher Wahrhaftigkeit gespielt. Die anderen Schwerkaliber im Volkstheater: Shakespeares "Macbeth", womit sich der junge Regisseur Philipp Jeschek restlos verhob; Ibsens "Peer Gynt", den Stückl mit Tausendsassa Maximilian Brückner in der Titelrolle und den Jungen Riederingern erfolgreich zu einer bayerischen Bühnensause umfunktionierte; sowie Kleists "Michael Kohlhaas", der in der Regie von Hanna Rudolph zu einer ansprechenden Art szenischer Lesung geriet.

Im Klassiker-Tempel Residenztheater, dem großen Haus des Staatsschauspiels, hatte man nicht gerade ein glückliches Händchen. Es fehlte der große, den Spielplan beherrschende, zentrale "Schinken". Tina Lanik erwies sich mit Brechts "Im Dickicht der Städte" und Shakespeares "Romeo und Julia" als halbherzige Regiefrau, die bemüht ist, einerseits ordentlich den Text zu bedienen und andererseits das, was heute als Zeitgeschmack gilt. Eine Zweigleisigkeit, die ihren Arbeiten etwas Steriles, Risikofreies gibt. Nötig ist mehr Mut zu Leidenschaft und Zweifel. Und der andere Klassiker im Resi, Calderons "Leben ein Traum", blieb unter Führung von Alexander Nerlich leider allzu belanglos.

Dieter Dorn war regiemäßig voll eingespannt durchs Cuvilliés-Theater, wo er nicht nur das Stück "Idomeneus" herausbrachte, sondern für die Bayerische Staatsoper auch Mozarts "Idomeneo". Den Rest seiner Inszenierungskraft verschwendete er bei Yasmina Rezas Gesellschaftskomödie "Der Gott des Gemetzels"; hinreißend komisch, voller theatraler Ironie. Zugleich ereilte ihn großes Intendantenpech: Garcia Lorcas "Bernarda Albas Haus" (Regie Franz Xaver Kroetz) platze nach ein paar Probenwochen.

"Molières Misanthrop" von Botho Strauß wäre ebenfalls beinahe nicht herausgekommen. Regiestar Andrea Breth sagte ab, dafür ein unerfahrener Regiejüngling, Andreas Wiedermann, zu - bis ihm die Schauspieler ihre Gefolgschaft aufkündigten und sie, wohlerzogen und diszipliniert, nichts dagegen hatten, sich und die Produktion durch den nun regieführenden Chefdramaturgen Hans-Joachim Ruckhäberle retten zu lassen. Dass jetzt auch noch das Ein-Mann-Experiment, Brechts "Galilei" mit Rudolf Wessely, kurz vor der Premiere versenkt wurde, war fast zu erwarten, ist auch nicht so schlimm. Es kommt nur gerade jenen Kritikern entgegen, die das Staatsschauspiel am künstlerischen Abgrund wähnen.

Da muss man sich doch fragen, wo sich denn dann die anderen Häuser befinden? Mit "Zur schönen Aussicht" von Ödön von Horváth, dieser inszenatorischen Bankrott-Erklärung von Regisseurin Christiane Pohle an den Kammerspielen, mit so gut gemeinten und politisch korrekten Produktionen wie "Schnee", "Hass" oder "Illegal" kann sich die städtische Vorzeigebühne auch nicht sonderlich gut positionieren. Das Beste, was die Kammerspiele zu bieten haben, ist "Hiob", die Bearbeitung des gleichnamigen Romans von Joseph Roth durch Regisseur Johan Simons.

Jugend an sich ist eben keine Qualität. Das zeigt diese Arbeit des 62-jährigen Simons', des zukünftigen Kammerspiele-Intendanten. Und das bewies jüngst auch der erfahrene Thomas Langhoff, indem er mit Thomas Bernhards "Am Ziel" dem Residenztheater klug und gewitzt einen Publikumsrenner inszeniert hat. Ein Hochkaräter unter mancherlei Falschgold.

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